Österreichs Bundesheer

Ich werde Soldatin

Sechs Monate als Presse-Unteroffizier im Kosovo:
Wachtmeister Ingrid Strohmaier

Wachtmeister Ingrid Strohmaier
Wachtmeister Ingrid Strohmaier...

Wachtmeister Ingrid Strohmaier im Gespräch mit Diana Carmen Albu
...im Gespräch mit Diana Carmen Albu.

Wie sah Ihr Werdegang bis zum Eintritt in das Österreichische Bundesheer aus?

Ich bin Jahrgang 1975, besuchte nach der Pflichtschule die Hauswirtschaftsschule und absolvierte danach die Damenkleidermacherlehre. Ich erkannte bald, dass ich diesen Beruf nicht für den Rest meines Lebens ausüben, sondern Abwechslung erleben wollte. Nebenbei ließ ich mich zum Landesschilehrer ausbilden. Durch den Sport lernte ich ziemlich viele Personen, die beim Bundesheer tätig waren, kennen. 1998 zählte ich zu den ersten Frauen, die sich für ein Leben als Soldatin entschieden und die Freiwillige Meldung abgaben.

Wie verlief Ihre militärische Laufbahn bis dato?

Im Februar 1998 fand die Eignungsprüfung statt, und im April desselben Jahres begann ich die Jägerausbildung beim Jägerregiment 5 in Straß. Außerdem absolvierte ich den Unteroffiziers-Lehrgang I, die Jägerschule in Saalfelden und schließlich die Heeresunteroffiziersakademie in Enns, die ich 1999 abschloss. Danach war ich als Jäger-Gruppenkommandant in Straß tätig und wechselte zwei Jahre später zum Heerespersonalamt nach Graz: Ich war die erste Frau, die als Wehrdienstberaterin eingesetzt wurde. Im Oktober vorigen Jahres fuhr ich in den Kosovo, und nach halbjährigem Auslandseinsatz versehe ich meinen Dienst wie gewohnt wieder im Heerespersonalamt.

Wie war Ihre Anfangszeit beim Bundesheer? Gab es Momente der Verzagtheit?

Ich ging mit dem Gedanken zum Bundesheer, dass irgendwann der Zeitpunkt kommen könnte, wo ich nicht mehr weiter kann und will. Dessen war ich mir stets bewusst, deshalb gab es für mich auch keine bösen Überraschungen. Bloß am Tag des Einrückens hatte ich ein mulmiges Gefühl: Da am nächsten Tag eine Demonstration angekündigt war, mussten wir uns bereits am Abend in der Kaserne einfinden. Ich dachte mir: „Was hast du dir jetzt angetan?“ Aber bis jetzt habe ich noch nicht den Wunsch gehabt, aufzuhören.

Was hat in Ihrer Ausbildung am besten gefallen ?

Die Jägerschule in Saalfelden habe ich in besonders positiver Erinnerung: Wir waren 32 Mann. Ich kam als erste Frau dorthin und wurde bestens aufgenommen. Irgendwie hatte ich doch eine gewisse Angst vor der Reaktion der Ausbildner und der Kameraden gehabt; es stellte sich heraus, dass meine Befürchtungen umsonst gewesen waren.

Haben Sie als Soldatin jemals mit Diskriminierungen oder Benachteiligungen zu tun gehabt?

Die Diskriminierung hält sich in Grenzen: Es gibt immer wieder Personen, die sich wichtig machen müssen; in meinem Fall waren es in diesen sechs Jahren beim Bundesheer drei Personen. Frau muss damit leben, dass sie es nicht jedem Recht machen kann.

Woran glauben Sie, liegt es, dass manche Leute nicht so aufgeschlossen sind?

Ich denke, es hängt mit der persönlichen Einstellung und der Angst, als Mann schlechter zu sein, den gewohnten Ablauf ändern zu müssen, zusammen. Wenn eine Frau den Job gleich gut macht wie ein Mann, gibt es eigentlich nichts, was gegen sie sprechen könnte.

Wie ist das Verhältnis zu Ihren Kameraden und Kameradinnen?

Ich komme mit meinen Kameraden und Kameradinnen prinzipiell sehr gut aus. Im Heerespersonalamt Graz herrscht ohnehin ein tolles Arbeitsklima. Sogar der Kontakt zu meinen Anfängen ist noch immer gegeben. Ich telefoniere zwar nicht täglich quer durch ganz Österreich, aber es gibt einen gewissen Personenkreis, mit dem man eine intensivere und fundiertere Verbindung pflegt.

War der Auslandseinsatz ein lang gehegter Wunsch Ihrerseits?

Ich bin immer sehr gern unterwegs gewesen und lerne gern Neues kennen. Nachdem ich die Abendschule abgeschlossen hatte, entschied ich mich, in den Auslandseinsatz ins ehemalige Jugoslawien zu gehen. Ich war sechs Monate lang als Presse-Unteroffizier im Kosovo tätig. Als Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit und Truppenbetreuung kümmerte ich mich um alle Besuche aus Deutschland und Österreich. Mein Kommandant erstellte die Programme; ich unterstützte meinen Vorgesetzten und war zusätzlich für die Fotodokumentation und den Kontakt mit den Journalisten verantwortlich. Ich fand den Job sehr interessant, weil er unheimlich spontan und abwechlungsreich war; außerdem war es möglich, das Camp hin und wieder zu verlassen und mich im Einsatzraum zu bewegen.

Hatten Sie im Auslandseinsatz Kontakt mit den Einheimischen?

Da ich auf den jeweiligen Besucher fixiert war, hielt sich der Kontakt zu den Einheimischen eher in Grenzen. Die Jägerkompanien hingegen hielten sich vorwiegend im Einsatzraum auf und betreuten die Checkpoints. Sie waren die eigentlichen und direkten Ansprechpartner für die Bevölkerung.

Schildern Sie uns bitte einen Diensttag im Camp Casablanca!

Der Dienst begann um 7.45 Uhr und endete um 18 Uhr. Meinen freien Tag hatte ich am Sonntag. Wenn Veranstaltungen stattfanden, gab es keinen freien Tag; so konnte es passieren, dass ich zwei bis drei Wochen keinen einzigen freien Tag hatte. Als die Unruhen Mitte März ausbrachen, entfielen die üblichen Dienstzeiten. Meistens stand man um 5 Uhr auf, wartete die Lage ab und schloss sich eventuell dem hinaus fahrenden Kommandanten an. Als Presse-Unteroffizier musste ich vorne mit dabei sein. Danach nahmen wir Telefonate aus Österreich beziehungsweise vom Kommando Internationale Einsätze entgegen. Bei Demonstrationen begaben wir uns mit den Journailsten ebenfalls in den Einsatzraum, um Fotos zu machen, zu filmen oder den Soldaten bei der Arbeit zuzusehen. Am Abend wurden die Berichte von der Operationszentrale an das Kommando Internationale Einsätze übermittelt.

In ruhigeren Zeiten machte man seine Büroarbeit, stellte seine Anträge, telefonierte relativ viel. Einen geregelten Tagesablauf in dem Sinne gab es dort nicht.

Wie gestaltete sich das Teamwork mit den Journalisten?

Kleinigkeiten, die störten, gab es immer wieder. Im Großen und Ganzen würde ich die Zusammenarbeit mit den Journalisten im Nachhinein dennoch als positiv bezeichnen. Sie machten ihren Job genauso wie wir, mussten Infos nach Hause bringen; wir waren dafür zuständig, dass sie mit den richtigen Informationen versorgt wurden. Es wäre nicht richtig gewesen, hochgebauschte Berichte zu senden. Es hätte die Angehörigen unnötig beunruhigt. Deshalb war es wichtig, sich an die tatsächlichen Ereignisse zu halten und das zu berichten, was auch wirklich geschehen war.

Woraus bestand die Vorbereitungsphase für den Auslandseinsatz?

Ich absolvierte den ersten Teil des Presse- und Informationsoffiziers-Kurses in der Schweiz und den zweiten Teil in Österreich. Hier lernte ich meinen Kommandanten kennen. In Götzendorf fand schließlich das Force-Integration-Training (FIT) statt: Alle Teile, die später im Kosovo zugegen waren, arbeiteten dort zusammen. Ich wurde sechs Wochen lang zum Presse-Unteroffizier ausgebildet und erprobt.

Inwiefern unterschied sich Ihr dienstliches und privates Leben in den sechs Monaten Ihres Auslandseinsatzes von Ihrer Lebensführung in Österreich?

Ich hatte am Anfang gedacht, keinen Rückzugsbereich zu haben. Ich musste ein halbes Jahr lang mit 700 bis 800 Leuten im Camp auf einem relativ engen Raum verbringen. Irgendwann benötigt jeder Mensch Zeit und Ruhe, um abschalten zu können. Ich habe sie gefunden. Ich wurde beispielsweise als Schilehrer für Deutsche und Italiener angefordert und hatte viel Spaß dabei; oder ich benutzte die Sportmöglichkeiten im Camp: Jede Nation hatte ihren eigenen Sportbereich. Die Österreicher hatten sogar eine Kletterwand, Sauna und Solarium; sie waren allerdings für alle Nationen zugänglich. Wenn sich die Gelegenheit ergab, schnappte ich mir ein Buch und las in aller Ruhe darin.

Den intensivsten Kontakt pflegte ich mit meinen Landsleuten und den Schweizern. Die Leute aus dem Bataillonsstab standen mir dienstlich am nächsten; sie kamen aus Österreich und der Schweiz. Der Freundeskreis rekrutierte sich dort anders als in der Heimat ausschließlich aus dem Kollegenbereich. Das Verhältnis zu den Kameraden war ein ganz besonderes: Es war nicht so wie in Österreich, dass man sich nach Dienstschluss um 16 00 Uhr verabschiedete und nach Hause ging. Im Kosovo war man permanent im Camp. Man konnte nicht nach Lust und Laune für zwei Tage irgendwohin fahren und es sich gemütlich machen, sondern man war immer mit den Leuten zusammen; es kristallisierten sich einige Freundschaften heraus.

Natürlich gab es ab und zu auch Auseinandersetzungen. Aber ich denke, wenn man rund um die Uhr zusammen ist, gehören auch diese dazu. Die Zeit im Kosovo möchte ich auf keinen Fall missen. Am Ende des Auslandseinsatzes verließen uns die ersten Kameraden am 2. April. Alle standen an der Campausfahrt; man merkte ihnen an, dass ihnen der Abschied nicht leicht fiel. Wenn die Kameradschaft passt, ist ein Auslandseinsatz wirklich ein Supererlebnis. Auch jetzt treffe ich noch immer Leute, die ebenfalls im Kosovo waren, und es ist einfach schön.

Wie empfanden Sie die Unterkünfte und die Verpflegung im Camp?

Die Verpflegung war hervorragend. Man hatte das Gefühl, in einem Urlaubshotel zu sein. Deshalb war es auch wichtig, regelmäßig Sport zu betreiben. Ich war gemeinsam mit Wachtmeister Heidemarie Zvolanek in einem Containerkomplex untergebracht. Jeder kaufte sich praktisch den Fernseher vom Vorgänger. Jeder hatte seinen Bereich durch feuerfeste Vorhänge abgeschirmt. Die Duschcontainer befanden sich in geringer Entfernung unserer Schlafstätte.

Würden Sie sich wieder zu einem Auslandseinsatz melden?

Das werde ich auf alle Fälle tun. In einem Auslandseinsatz wird man immer wieder vor Herausforderungen und besondere Situationen gestellt. Es gibt die verschiedenen Personengruppen und Nationen, mit denen man auskommen muss. Es herrscht dort eine völlig andere Atmosphäre als im Inland.

Vielen Dank für das Gespräch!

Eigentümer und Herausgeber: Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport | Roßauer Lände 1, 1090 Wien
Impressum | Kontakt