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Vom Interbrigadisten zum Volksarmisten - Die geheime AufrĂĽstung in der SBZ/DDR zwischen 1945 und 1956

von Frank Heinz Bauer

Kurzfassung

◄ Mit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik am 7. Oktober 1949 erhielt die herrschende SED bisher nicht gekannte politische Gestaltungsmöglichkeiten; da traf es sich gut, dass Personen wie Präsident Wilhelm Pieck und Generalsekretär Walter Ulbricht sich bereits seit mehreren Jahrzehnten mit Militärfragen auseinander gesetzt und mehrfach versucht hatten, Rolle und Funktion von Streitkräften im Sozialismus zu definieren. Für einen eigenen ostdeutschen Ansatz in der Militärpolitik sprach aber vor allem, dass Stalin den sich zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den westlichen Siegermächten des Zweiten Weltkriegs abzeichnenden Wandel vom besiegten Feindstaat zum Bündnispartner in spe als Gefährdung sowjetischer Sicherheitsinteressen beurteilte.

In der Weimarer Republik konzentrierte sich die KPD-Führung militärpolitisch auf die Schaffung einer eigenen Wehrorganisation, die in der Gründung so genannter Proletarischer Hundertschaften im Mai 1923 einen Höhepunkt fand. Insgesamt gehörten im Oktober 1923 etwa 130.000 Mann dieser Organisation an, die von Hugo Eberlein und Wilhelm Pieck zentral geführt wurde. Mit der Gründung des Roten Frontkämpferbundes (RFB) entstand zudem im Juli 1924 eine Organisation, die sich verstärkt um die militärische Ausbildung ihrer Angehörigen bemühte. Mehrere Ausbildungsaufenthalte von RFB-Funktionären waren Ausdruck einer engen Kooperation in Militärfragen mit der Sowjetunion.

Trotz dieser Verbundenheit blieb die vor der deutschen Öffentlichkeit geheim gehaltene enge militärische Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee davon unberührt und machte deutlich, dass sich die Sowjetführung bei der Wahrnehmung sicherheitspolitischer Interessen sehr zum Verdruss der deutschen Kommunisten keinesfalls ausschließlich von ideologischen Überlegungen leiten ließ. Der spanische Bürgerkrieg sah viele deutsche Kommunisten als Interbrigadisten und Kämpfer seit 1936 an der Front. Obgleich die Verluste vor allem in Ermangelung professionellen militärischen Könnens seitens der deutschen Kommunisten verheerend waren, galten die Veteranen des spanischen Bürgerkrieges von nun an als Militärexperten innerhalb der KPD.

Hatte im Zeitraum zwischen Juni 1941 und der Kapitulation der deutschen Verbände in Stalingrad vor allem die Umerziehung von Unteroffizieren und Mannschaften der Wehrmacht im Mittelpunkt der kommunistischen Anstrengungen gestanden, konzentrierten sich die Bemühungen danach vor allem auf das Offizierskorps. Mit der Auflösung des Nationalkomitees und des Bundes Deutscher Offiziere auf Weisung Stalins im. November 1945 wurde seitens Moskaus allerdings klargestellt, dass aus sowjetischer Sicht keinerlei Bedarf für die Beschäftigung mit militärpolitischen Fragen durch ostdeutsche Funktionäre bestand.

Erst im November 1946 stellte Ulbricht eine 2.500 Mann starke und zentral durch die Deutsche Verwaltung des Innern geführte Grenzpolizei auf. Mit Erlaubnis und Unterstützung der Sowjetunion gelang es dem Leiter der Abteilung für Justiz und Polizei beim ZK, Erich Mielke, zwischen September und Oktober 1948 von 4.934 Heimkehrern aus sowjetischer Kriegsgefangenenlagern 4.774 Mann für die Polizeibereitschaften zu verpflichten. Obwohl die militärähnliche Tätigkeit der Volkspolizei im Verborgenen stattfand, umfassten die kasernierten Verbände im September 1949 bereits 24 Infanterie-, 8 Artillerie-, 3 Panzerbereitschaften sowie einige Ausbildungsschulen.

Der Koreakrieg entwickelte sich zum Katalysator ostdeutscher militärpolitischer Überlegungen und hatte zur Folge, dass sich die Sowjetische Kontrollkommission dazu durchringen konnte, der FDJ die Erlaubnis zur Bildung "wehrsportlicher Interessengemeinschaften” zu erteilen. 1951 rekrutierte sich das Offizierkorps der Hauptverwaltung Ausbildung bereits zu 91 % aus der Arbeiterschaft, wobei die befohlene klassenmäßige Auswahl nicht ohne unerwünschte negative Auswirkungen blieb: 88 % der Offiziere hatten lediglich eine achtklassige Volksschule besucht, lediglich 10 % besaßen die mittlere Reife und Offiziere mit Abitur und Studium blieben weiterhin die große Ausnahme. Erst im April 1952 zerstreute der an Pieck und Ulbricht erteilte plakative Auftrag des sowjetischen Staatschefs, eine "Volksarmee ohne Geschrei” aufzustellen, endgültig alle latent vorhandenen ostdeutschen Befürchtungen, von den Sowjets doch noch zu Gunsten weiter reichender gesamtdeutscher Interessen fallengelassen zu werden.

Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 war zwar in erster Linie durch die ökonomische Krise und die politische Unterdrückung der Bevölkerung durch die SED provoziert worden, jedoch richtete sich der Volkszorn auch vereinzelt gegen die Kasernierte Volkspolizei (KVP). Erst als die Sowjets bereits 500 Kampfpanzer zur blutigen Niederschlagung des Aufstandes eingesetzt hatten, wurde die KVP mit sowjetischer Billigung in Alarmzustand versetzt; bis zum 22. Juni waren insgesamt etwas mehr als 13.000 Volkspoliozisten zur Unterstützung der Roten Armee eingesetzt.

Unmittelbar nach dem Beitritt der Bundesrepublik zur NATO unterzeichnete Pieck den Warschauer Vertrag und damit die darin vorgesehene Eingliederung der DDR in die von der Sowjetunion dominierte Militärorganisation. Doch selbst fünf Jahre nach der Grundsatzentscheidung zur Aufstellung einer regulären Armee waren starke pazifistische Tendenzen in der Bevölkerung dafür verantwortlich, dass Rekrutierungsprobleme anhielten. Das Gesetz über die Aufstellung der Nationalen Volksarmee passierte die Volkskammer am 18. Jänner 1956; mit der Übergabe der Truppenfahne an die 1. Mechanisierte Division der Nationalen Volksarmee am 30. April 1956 in Potsdam begann die planmäßige Überführung der KVP in die regulären Streitkräfte, die mit der Auflösung der KVP am Ende desselben Jahres ihren Abschluss fand. ►


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Vom Interbrigadisten zum Volksarmisten - Die geheime Aufrüstung in der SBZ/DDR zwischen 1945 und 1956

Die geheime Aufrüstung in der SBZ/DDR zwischen 1945 und 1956

Nach mehreren vergeblichen Anläufen war es der Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) am 27. September 1949 endlich gelungen, dem lange Zeit gesamtdeutsche Vorstellungen verfolgenden Stalin die Erlaubnis zur Gründung eines kommunistisch bestimmten ostdeutschen Separatstaates auf dem Gebiet der seit der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 eingerichteten Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) abzuringen.(Fußnote 1/FN1) Mit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik am 7. Oktober 1949, der einstimmigen Wahl Wilhelm Piecks zum ersten Präsidenten vier Tage später und der am nächsten Tag erfolgten Wahl Otto Grotewohls zum Ministerpräsidenten schuf die Provisorische Volkskammer zugleich Fakten, welche die bislang im vorstaatlichen Stadium verbliebenen Überlegungen der SED über die bewaffneten Organe eines sozialistischen Staates auf eine ganz neue Handlungsebene hoben und der SED mit dem 73-jährigen Pieck an der Spitze reale und bisher nicht gekannte politische Gestaltungsmöglichkeiten einräumten.

Obwohl mit der unmittelbar vor Staatsgründung erfolgten Installation der Sowjetischen Kontrollkommission (SKK) unübersehbar eine Instanz geschaffen worden war, die jegliche ostdeutsche Regierungstätigkeit mit außen- und sicherheitspolitischen Implikationen letztlich wirkungsvoll unter den strikten Führungsvorbehalt des Kreml stellte, stand mit Pieck eine Persönlichkeit an der Spitze des neu gegründeten Teilstaates, die als Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands und deren langjähriger Spitzenfunktionär seit 1919 sicherlich versuchen würde, an Zielvorstellungen der ehemaligen Oppositions- und Exilpartei anzuknüpfen. Es konnte davon ausgegangen werden, dass nunmehr vor allem Überlegungen der alten KPD zur Militärpolitik und zur Rolle der bewaffneten Macht im sozialistischen Staat eine Renaissance erleben würden.

Aber nicht allein der neugewählte erste Präsident der DDR, Wilhelm Pieck, sondern auch die damalige graue Eminenz und Generalsekretär der SED, Walter Ulbricht, hatte sich bereits seit mehreren Jahrzehnten mit Militärfragen auseinander gesetzt und dabei in Resolutionen und Programmen mehrfach versucht, Rolle und Funktion von Streitkräften im Sozialismus zu definieren.

Beispielsweise hatte sich der ehemalige Sozialdemokrat Pieck seit August 1914 nicht nur vehement gegen die Burgfriedenspolitik der SPD-Reichstagsfraktion seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs eingesetzt, sondern war vielmehr sehr zum Verdruss des Parteivorsitzenden Ebert im Mai 1915 durch das zusammen mit Karl Liebknecht verfasste Flugblatt mit dem Titel "Der Feind steht im eigenen Land” und der von ihm angeführten Antikriegsdemonstration in Berlin in Erscheinung getreten. Seine Desertion aus der kaiserlichen Armee im Oktober 1917 und die 1932 erfolgte Ernennung zum "Ehrensoldaten der Roten Armee" deuteten darauf hin, dass Pieck auch eine Umgestaltung des Militärs in seinem Sinne anstrebte. Immerhin hatte der spätere erste und einzige Präsident der DDR bereits im Juni 1918 definiert, was für die Angehörigen des Spartakusbundes nach einer in ihrem Sinne erfolgten Revolution in Deutschland gelten sollte: "Wir sind die Verteidiger des sozialistischen Vaterlandes. Für die Verteidigung braucht man aber eine standhafte Armee, geordnetes Hinterland und feste Ordnung des Verpflegungswesens." (FN2) Für einen eigenen ostdeutschen Ansatz in der Militärpolitik sprach aber vor allem, dass der in globalen Machtkategorien denkende sowjetische Diktator vor allem den sich zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den westlichen Siegermächten des Zweiten Weltkriegs abzuzeichnen beginnenden grundsätzlichen Wandel vom besiegten Feindstaat zum Bündnispartner in spe als Gefährdung sowjetischer Sicherheitsinteressen beurteilte.

Vor diesem Hintergrund sah sich Stalin knapp vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs faktisch gezwungen, in der SED-Staatsführung nicht nur einen unter vielen ideologischen Verbündeten, sondern vielmehr den langfristig maßgeblichen - wenn auch in seiner Handlungsfähigkeit beschränkten und in letzter Konsequenz auf das sowjetische Machtpotenzial angewiesenen - Partner seiner auf Kontinentaleuropa fixierten Sicherheitspolitik zu sehen.

Militärpolitische Überlegungen der KPD bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs

Noch unter den Bedingungen des Bürgerkriegs wurde am 30. Dezember 1918 die Deutsche Kommunistische Partei (KPD) gegründet, die sich in ihrem Gründungsprogramm für die Bewaffnung der "gesamten erwachsenen proletarischen Bevölkerung als Arbeitermiliz und die Bildung einer Roten Garde aus Proletariern als aktiven Teil der Miliz zum ständigen Schutz der Revolution vor gegenrevolutionären Anschlägen" aussprach.(FN3) Mit der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg durch Angehörige der Regierungstruppen am 15. Januar 1919 erreichten die bewaffneten innenpolitischen Auseinandersetzungen einen Höhepunkt, auf den prominente Funktionäre der KPD wie Clara Zetkin mit der erneuten Forderung nach Bewaffnung des Proletariats reagierten. Tatsächlich stützte sich die kurz installierte bayerische Räterepublik seit ihrer Ausrufung am 13. April bis zu ihrer Zerschlagung durch reguläre Regierungstruppen und Freikorps am 3. Mai 1919 militärisch auf eine Rote Armee und lehnte sich damit nicht allein sprachlich, sondern auch inhaltlich detailgetreu an das sowjetische Vorbild an: Der sowjetische Revolutionsführer Lenin hatte unmittelbar nach der Machtübernahme der Bolschewiki die herausragende Rolle der Streitkräfte als zentrales Machtinstrument in der Innen- und Außenpolitik der alles andere als gefestigt zu geltenden, gerade erst gegründeten Sowjetunion betont.

Nach der mit einem Stimmenanteil von 1,7% für die KPD enttäuschend ausgefallenen Reichstagswahl des Jahres 1920 konzentrierten die Kommunisten ihre militärpolitische Agitation gegen die Reichswehr, in der sie allein die "Neuschöpfung des Militarismus in der barbarischen Form des Söldnerheeres" sahen.(FN4) Ein nennenswerter politischer Einfluss auf die Soldaten oder Offiziere der Reichswehr konnte dennoch nicht gewonnen werden. Es gelang der KPD lediglich, eine einheitliche Ablehnungsfront gegen Reichswehr und Militärdienst unter den Mitgliedern der eigenen Partei und einem kleinen Teil der sozialdemokratisch orientierten Arbeiterschaft zu bilden. Vereinzelte Proteste gegen die Stationierung von Reichswehrverbänden in den Garnisonsstädten blieben weitestgehend ohne die von der Parteiführung erhoffte Wirkung.(FN5) Die KPD-Führung konzentrierte sich deswegen militärpolitisch zunehmend auf die Schaffung einer eigenen Wehrorganisation, die in der Gründung so genannter Proletarischer Hundertschaften im Mai 1923 einen neuen Höhepunkt fand. Insgesamt gehörten im Oktober 1923 etwa 130.000 Mann dieser Organisation an, die von Hugo Eberlein und Wilhelm Pieck zentral geführt wurde. Die illegale militärähnliche Ausbildung an Waffen, im Barrikadenkampf und der Abwehr von Panzerautos litt allerdings unter dem Mangel an Fachleuten, Waffen und Munition.(FN6) Der vor allem von Angehörigen der Proletarischen Hundertschaften getragene bewaffnete Hamburger Aufstand im Oktober 1923 konnte beispielsweise trotz des für reguläre Truppen bekanntermaßen problematischen Häuserkampfszenarios innerhalb von nur einer Woche durch Polizei und Reichswehr niedergeschlagen werden und offenbarte den beschränkten Wert dieser militärähnlichen Bürgerkriegsformation.(FN7) Die auf Grund der bürgerkriegsähnlichen Zustände erfolgte und zeitlich befristete Übertragung der vollziehenden Gewalt durch Reichspräsident Friedrich Ebert auf den Chef der Heeresleitung, General Hans von Seeckt, führte zu einem reichsweiten Verbot der KPD zwischen November 1923 und März 1924. Noch während der Verbotszeit empfahl die Kommunistische Internationale die Bildung einer Militärkommission der KPD, der neben Ernst Thälmann, Hugo Eberlein und Ernst Schneller auch Pieck angehörte. Die Militärkommission entwarf das so genannte "Militärprogramm der KPD" und stellte die Organisation der proletarischen Revolution in den Mittelpunkt. Ausführlich wurden auch Fragen des bewaffneten Aufstands und des Bürgerkriegs betrachtet. Mit der Gründung des Roten Frontkämpferbundes (RFB) entstand zudem im Juli 1924 eine Organisation, die die Lehre Lenins vom Krieg und der Armee nahezu detailgetreu übernahm und sich verstärkt um die militärische Ausbildung ihrer Angehörigen bemühte.(FN8) Mit der Ernennung Thälmanns zum Ehrensoldaten der Roten Armee im Jahr 1928, der Nominierung sowjetischer Offiziere zu Ehrenmitgliedern des Roten Frontkämpferbundes und nicht zuletzt durch mehrere Ausbildungsaufenthalte von RFB-Funktionären zeichnete sich eine enge Kooperation in Militärfragen mit der Sowjetunion ab. Trotz dieser engen Verbundenheit blieb die vor der deutschen Öffentlichkeit geheim gehaltene enge militärische Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee davon unberührt und machte deutlich, dass sich die Sowjetführung bei der Wahrnehmung sicherheitspolitischer Interessen sehr zum Verdruss der deutschen Kommunisten keinesfalls ausschließlich von ideologischer Verbundenheit leiten ließ. Immerhin hatten die Reichsregierungen in den vergangenen Jahren bereits mehrfach Truppen der Reichswehr zur Niederschlagung kommunistischer Aufstände im Deutschen Reich eingesetzt. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass auch künftighin deutsche Regierungen sich diese Option erforderlichenfalls offen hielten.(FN9) Im Jahr der Debatte über den umstrittenen Panzerkreuzerbau der Reichsmarine suchte die KPD 1928 den Schulterschluss mit bürgerlich-pazifistischen Kreisen und zeigte sich bemüht, das bereits seit wilhelminischer Zeit traditionell nicht spannungsfreie Verhältnis der sozialdemokratisch orientierten Arbeiterschaft zur Armee für die eigenen Ziele politisch auszunutzen.

Ein Jahr später erteilten die "Richtlinien der KPD zur Wehrfrage" etwaigen pazifistischen Tendenzen eine klare Absage: "Die Stellung des Proletariats zur Wehrmacht und zum Kriege hängt ab von dem Klassencharakter des Staates, der den Krieg führt und dessen Machtorgan die Wehrmacht ist." Mit dem abschließenden Bekenntnis, die "Kriegführung der Roten Armee mit allen zweckdienlichen Mitteln" unterstützen zu wollen, bekräftigte die KPD erneut ihr unbedingtes Treueverhältnis zur Sowjetunion.(FN10) Dies galt auch für Pieck, der drei Jahre nach dem Verbot des RFB im Jahr 1929 zum Ehrensoldaten der Roten Armee ernannt wurde und sich nach seiner Ernennung zum Leiter der Moskauer Leninschule besonders intensiv mit Militärfragen beschäftigte.

Blieb der Einfluss der deutschen Kommunisten auf Grund ihrer nicht vorhandenen Massenbasis schon vor 1933 relativ beschränkt, bedeutete die nationalsozialistische Machtergreifung für die Funktionäre der KPD meistens Konzentrationslager oder Exil im Ausland.

Der spanische Bürgerkrieg sah viele deutsche Kommunisten als Interbrigadisten und Kämpfer seit 1936 an der Front. Obgleich die Verluste vor allem in Ermangelung professionellen militärischen Könnens seitens der deutschen Kommunisten verheerend waren, galten die Veteranen des spanischen Bürgerkrieges von nun an als Militärexperten innerhalb der KPD.

Der exilierte Parteivorstand unter Pieck reflektierte am 14. Mai 1938 die Situation in Deutschland und die Erfahrungen des spanischen Bürgerkriegs. Dabei wurde erstmals die Forderung nach Schaffung einer "Volksarmee” für ein Deutschland nach Hitler aufgeworfen.(FN11) Die Berner Konferenz der KPD vom 30. Januar bis 1. Februar 1939 wiederholte diese zentrale Forderung, die zudem nach Auffassung der Delegierten mit der Enteignung der großen Monopole und des Großgrundbesitzes verbunden werden sollte. Wichtig war den deutschen Kommunisten ebenfalls erneut die enge Anlehnung in Militärfragen an die Sowjetunion und deren Roter Armee.(FN12) Der tatsächliche Wert dieses Treuebekenntnisses der deutschen Exilkommunisten an die Adresse der Sowjetunion blieb allerdings zweifelhaft. Immerhin hatte der Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes am Vorabend des Zweiten Weltkriegs und vor allem aber der nach dem Einmarsch der Roten Armee in Ostpolen am 28. September 1939 abgeschlossene "Grenz- und Freundschaftsvertrag” zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion gezeigt, dass für Stalin im Zweifelsfall das Sicherheitsinteresse der Sowjetunion einen deutlich höheren Stellenwert besaß als die immer wieder verbal beteuerte ideologische Verbundenheit mit den deutschen Genossen und ihren Vertretern im Exil.

Die militärpolitischen Vorstellungen während des Zweiten Weltkriegs

Erst der deutsche Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 sollte die Rolle der deutschen Kommunisten in der Sowjetunion neu definieren. Blieben die Versuche sowjetischer Politoffiziere und deutscher Exilkommunisten, Einfluss auf kriegsgefangene deutsche Soldaten in Anbetracht der militärischen Erfolge der Wehrmacht in den ersten 15 Monaten des Russlandfeldzuges weit gehend auf eine zahlenmäßig eher kleine Gruppe beschränkt, leiteten die Gefangennahme des Befehlshabers der 6. Armee, Feldmarschall Friedrich Paulus, am 31. Jänner 1943 in Stalingrad und die Einstellung der Kampfhandlungen im Nordkessel der Stadt zwei Tage später eine Phase des Massenanfalls von Kriegsgefangenen ein. Damit bot sich den deutschen Exilkommunisten ein neues und immer wichtiger werdendes Betätigungsfeld.

Hatte im Zeitraum zwischen Juni 1941 bis zur Kapitulation der deutschen Verbände in Stalingrad vor allem die Umerziehung von Unteroffizieren und Mannschaften im Mittelpunkt gestanden, konzentrierten sich die Bemühungen Piecks und Ulbrichts nunmehr vor allem auf das Offizierskorps und damit auf eine gesellschaftliche Gruppe, die der KPD traditionell besonders fern gestanden hatte.(FN13) Zwar hatten die kommunistischen Funktionäre auf Weisung Stalins hin bereits am 12./13. Juli 1943 im Kriegsgefangenenlager Krasnogorsk das Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) unter dem Vorsitz des Arbeiterdichters Erich Weinert gründen dürfen, doch konnte nicht übersehen werden, dass es trotz aller Versuche bis zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht gelungen war, höhere Stabsoffiziere oder gar Generäle der Wehrmacht zum Eintritt in das Nationalkomitee zu bewegen.

Dementsprechend musste die Gründungsversammlung vielmehr gänzlich ohne die kriegsgefangene militärische Prominenz vonstatten gehen, was die von Weinert erhoffte Signalwirkung des Nationalkomitees erheblich minderte.

Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck erläuterten dennoch in ihren Grundsatzreferaten vor der Gründungsversammlung, dass die deutschen Kommunisten die "Schaffung einer Volksarmee, die den Interessen des Volkes dient", anstrebten.(FN14) Erst am 12. September 1943 gelang es Pieck, die Gründung des Bundes Deutscher Offiziere unter dem Vorsitz des Generals der Artillerie Walther von Seydlitz-Kurzbach im Lager Lunowo durchzusetzen und durch die zwei Tage später erfolgende Fusion des BDO und des NKFD der anvisierten breiteren sozialen Grundlage der Exilorganisation endlich Rechnung zu tragen.

Der im zweiten Halbjahr 1944 doch noch erfolgende Beitritt des lange widerstrebenden Feldmarschalls Paulus zum BDO konnte mit Sicherheit als einer der größten Erfolge der Exilorganisation gewertet werden, wenngleich sich Pieck und Ulbricht im engeren Kreis unzufrieden und resigniert zeigten, was den Erfolg ihrer Arbeit unter den Offizieren anging.(FN15) Das Verhalten des Kommandierenden Generals des XII. Armeekorps, Generalleutnant Vincenz Müller, der sich unmittelbar nach seiner Gefangennahme im August des fünften Kriegsjahres aus eigenem Entschluss dem BDO und dem Nationalkomitee angeschlossen hatte, blieb die viel beachtete Ausnahme.

Damit hatte sich Müller selbst bereits den Funktionären für eine neuerliche militärische Verwendung nach Kriegsende empfohlen.(FN16) Einstweilen blieben solche Überlegungen Zukunftsmusik, denn in ihrem Aufruf vom 21. Oktober 1944 stellte die KPD die "Schaffung der Einheit der Arbeiterklasse” als zentrales Ziel ihrer künftigen Nachkriegspolitik heraus. Militärpolitisch beschränkte sich die Funktionärselite darauf, ihre bisherige Programmatik, welche die Schaffung einer Volksarmee vorgesehen hatte, zu Gunsten der vagen Forderung einer nicht näher beschriebenen "Volksmiliz” aufzugeben. Insgesamt zeigte sich Stalin von den - weit gehend wirkungslos gebliebenen - vielfältigen Versuchen seiner exilierten deutschen Genossen, Einfluss auf die Entwicklung in Deutschland zu nehmen und einen breiten kommunistischen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime zu organisieren, mehr als enttäuscht.

An diesem Bild konnten auch der Beitritt von Feldmarschall Paulus zum NKFD im zweiten Halbjahr 1944 und die Veröffentlichung eines von Pieck verfassten Aufrufs an "Volk und Wehrmacht", der am 8. Dezember 1944 von 50 der 80 in sowjetische Gefangenschaft geratenen Generälen unterzeichnet worden war, kaum etwas ändern.(FN17) Stalin zeigte sich auch Ende 1944 nicht an der Aufstellung deutscher Kampfverbände aus Kriegsgefangenen in sowjetischem Gewahrsam zur Unterstützung der Roten Armee unter Führung des Nationalkomitees interessiert.(FN18) Zwar durfte Pieck trotz der offensichtlichen Misserfolge eine Woche vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa dennoch an der Seite Stalins die Maiparade der Roten Armee abnehmen, doch wusste der auf diese Art geehrte Deutsche sehr genau, dass der Schlüssel für die weitere Entwicklung der KPD in Moskau lag und alle Entwürfe und Resolutionen des Nationalkomitees für ein Deutschland nach Hitler erst einmal als vorläufig anzusehen waren. Dies galt naturgemäß vor allem zu bislang gemachten Aussagen über die künftige Außen- und Sicherheitspolitik. Nichtsdestotrotz übte sich der Vorsitzende der KPD in Zweckoptimismus. So versicherte Pieck noch einmal unmittelbar vor seinem Abflug nach Berlin am 25. Juni 1945 den führenden Offizieren des Nationalkomitees, dass diese sehr bald verantwortliche militärische Funktionen beim Neuaufbau Deutschlands bekleiden würden.

Tatsächlich konzentrierte sich das militärische Interesse der Sowjets in ihrer Besatzungszone jedoch zu diesem Zeitpunkt auf geheime militärische Rüstungsprojekte der Wehrmacht und das technologische Wissen der Wissenschaftler, die im Einzelfall gemeinsam mit der gesamten Belegschaft von Rüstungsbetrieben in die Sowjetunion verbracht wurden.(FN19)

Die Militärpolitik der KPD/SED vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Niederschlagung des Volksaufstands 1953

Mit der Auflösung des Nationalkomitees und des BDO auf Weisung Stalins am 2. November 1945 wurde seitens des Kreml jedoch erst einmal klargestellt, dass aus sowjetischer Sicht derzeit keinerlei Bedarf mehr für die Beschäftigung mit militärpolitischen Fragen durch ostdeutsche Funktionäre oder kriegsgefangene Offiziere und Soldaten der Wehrmacht bestand.

Diesen Vorgaben folgend, bemühte sich die Führung der KPD anlässlich des 70. Geburtstags ihres Vorsitzenden am 3. Januar 1946, Piecks Leben als erfolgreichen Kampf gegen den deutschen Militarismus darzustellen und die Desertion Piecks aus der kaiserlichen Armee im Jahr 1917 - gleiches galt für Ulbricht - besonders positiv herauszustreichen.(FN20) Die einstimmige Wahl Piecks und des Sozialdemokraten Otto Grotewohl zu Parteivorsitzenden der SED am 22. April 1946 erfüllte die Delegierten mit der Hoffnung, langfristig Staatspartei nach dem Vorbild der sowjetischen Schwesterpartei werden zu können.

Als Stalin der Führung der SED Ende Juli 1946 mitteilte, dass er in der SED nunmehr die staatliche Kraft der SBZ sehe und seine Gesprächspartner aufforderte, Richtlinien für die künftige Staatsordnung der SBZ zu entwerfen, stellten sich den Funktionären tatsächlich ganz neue Aufgaben.

Der nunmehr für den Aufbau der Polizei und Fragen des staatlichen Aufbaus in der SBZ zuständige Ulbricht stellte im November 1946 eine 2.500 Mann starke und zentral durch die Deutsche Verwaltung des Innern (DVI) geführte Grenzpolizei auf. Damit hatte der Parteivorstand zielgerichtet machtpolitische Fakten geschaffen, wenngleich der von der SED-Führung vorgelegte Entwurf für eine Verfassung eines ostdeutschen Staates in Moskau der Ablehnung verfiel und somit die Ostberliner Wunschträume von der Errichtung eines eigenen Staates auf dem Territorium der SBZ zunächst zurückgestellt werden mussten.

Erst im Sommer 1947 wurde nach Aussage des Mitglieds im Zentralvorstand der SED, Erich Gniffke, gezielt über die Aufstellung kasernierter Polizeiverbände in der SBZ nachgedacht, nachdem die Zuführung von Maschinengewehren, Bordkanonen und vor allem die Überlassung von 16 mittleren Granatwerfern an die ostdeutschen Polizeikräfte aus den Beständen der Roten Armee bereits den Gedanken an ein polizeiliche Aufgaben überschreitendes Einsatzspektrum der Verbände nahegelegt hatte.(FN21) Im Verlauf des Jahres 1948 steigerte sich das Interesse der SED an der Aufstellung zentral geführter und kasernierter Polizeibereitschaften, und am 21. April definierte Ulbricht auf der Innenminister-Konferenz in Werder das Anforderungsprofil für die Angehörigen der ostdeutschen Polizeikräfte: "Wir brauchen Leute mit Fronterfahrung, Leute, die Spanienerfahrung oder sich sonst im Kampf bewährt haben. Ein Mann, der am Ebro gekämpft und sich bewährt hat, ist nicht für uns zu ersetzen, er gehört in eine leitende Stellung in die Polizei." (FN22) Allerdings war aus den Spanienkämpfern, bedingt durch die extremen Verluste auf Grund mangelnder militärischer Professionalität der deutschen Kommunisten am Ebro und die menschenverachtende nationalsozialistische Verfolgung kommunistischer Kader, ein Jahrzehnt nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs eine sehr überschaubare Gruppe geworden. Außerdem waren die ehemaligen Spanienkämpfer zudem oft in anderen Bereichen des Parteiapparates bereits fest eingebunden.

Dieses Problem war auch dem Generalsekretär nicht entgangen, und so lenkte er die Aufmerksamkeit der Innenminister auf die Rekrutierung künftiger Waffenträger aus den in sowjetischer Kriegsgefangenschaft befindlichen Unteroffizieren und Mannschaften der Wehrmacht.

Mit Erlaubnis und Unterstützung der Sowjetunion gelang es dem Leiter der Abteilung für Justiz und Polizei beim ZK, Erich Mielke, zwischen September und Oktober 1948 von 4.934 Heimkehrern aus sowjetischen Kriegsgefangenenlagern 4.774 Mann für die Polizeibereitschaften zu verpflichten. Allerdings musste die Kommission bei vielen Heimkehrern zu ihrer Enttäuschung eine "starke Abneigung gegen Kasernierung und Uniformierung" und eine weit verbreitete "antisowjetische Haltung" feststellen.(FN23) Offensichtlich hatte für die meisten Kriegsgefangenen die Hoffnung auf Heimkehr einen höheren Stellenwert als die zur Erfüllung dieses Wunsches eingegangene Verpflichtung zum kasernierten Waffendienst. Das angestrebte Ziel der SED, eine eigene Militärelite ausschließlich aus der Arbeiterschaft und ehemaligen Unteroffizieren und Mannschaften zu rekrutieren, ließ sich ebenfalls nicht realisieren. Dementsprechend sahen sich sowjetische Offiziere und SED-Funktionäre nolens volens veranlasst, eine Auswahl von fünf kriegsgefangenen Generälen und weiteren 100 Offizieren der Wehrmacht zu treffen, die die Basis eines künftigen Offizierskorps bilden sollten.(FN24) Die Mitgliedschaft im ehemaligen Nationalkomitee Freies Deutschland und im Bund Deutscher Offiziere galt als Prüfstein für die Zuverlässigkeit hinsichtlich einer neuerlichen Verwendung. Der Pieck und Ulbricht bereits seit 1944 bekannte Generalleutnant Vincenz Müller wurde konsequenterweise im Einvernehmen mit der Sowjetischen Militäradministration als Stabschef der Hauptabteilung bestimmt. Obwohl die ehemaligen Offiziere unverzichtbare Spezialisten waren und vor allem von den Sowjets mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt wurden, blieben sie für die SED "klassenfremde Offiziere”, die der Aufsicht bedurften. Eingerahmt von "Kindern proletarischer Eltern, aus rein sozialistischen Familien" - so der Chef der DVdI - sollten sie nach Auffassung der Funktionäre ihren Dienst in den Kasernen kontrolliert von der Partei versehen. Beaufsichtigt werden sollten sie zudem von Politoffizieren, die "am Ebro gekämpft haben und auch in der Polizei heute mit jeder beliebigen Lage fertig werden." (FN25) In Prozentzahlen ausgedrückt bedeutete diese widersprüchliche Haltung, dass der Anteil der Offiziere aus Reichswehr und Wehrmacht am Gesamtkontingent der ostdeutschen Polizei zu diesem Zeitpunkt lediglich 2,1% betrug, wobei jedoch ein Drittel der Leitungsfunktionen durch diese mit Misstrauen beobachtete Gruppe besetzt wurde.

Obwohl die militärähnliche Tätigkeit der Volkspolizei im Verborgenen stattfand, umfassten die kasernierten Verbände am Tag der Wahl Konrad Adenauers zum ersten Bundeskanzlers am 15. September 1949 bereits 24 Infanterie-, acht Artillerie-, drei Panzerbereitschaften sowie einige Ausbildungsschulen. Zwar verfügten die ostzonalen Verbände lediglich über 19 sowjetische Kampfpanzer, die gleiche Anzahl an Schützenpanzern, 26 Raupenfahrzeuge und nur wenig anderes Großgerät, das zudem noch unter der strengen Aufsicht sowjetischer Berater stand, doch war damit ein beachtenswertes Potenzial als mögliche Vorstufe einer weiter gehenden Bewaffnung geschaffen worden.(FN26) Mit der Einrichtung der Hauptverwaltung für Ausbildung (HVA) innerhalb des Innenministeriums gelang es Pieck, ein zentrales Organ zur Führung der Bereitschaften zu schaffen. Zudem konnte mit Berufung des im spanischen Bürgerkrieg unter dem Pseudonym "General Gomez” bekannt gewordenen Wilhelm Zaisser außerdem ein Funktionär mit militärischer Erfahrung an die Spitze gestellt werden, der ostdeutschen und sowjetischen Anforderungsprofilen geradezu auf ideale Art und Weise entsprach.

Trotz dieser Idealbesetzung mit einem Spanienkämpfer an der Spitze zeichneten sich durch 78 Desertionen(FN27) und vielfach belegte pazifistische Einstellungen der "Polizeisoldaten” innerhalb der ersten drei Monate des Bestehens der HVA künftige Probleme bereits ab, als im Frühjahr 1950 Zaisser - er wurde mit dem Aufbau des Ministeriums für Staatssicherheit betraut - durch Heinz Hoffmann ersetzt wurde. Hoffmann hatte als Politkommissar des Bataillons "Hans Beimler" der XI. Internationalen Brigade ebenfalls am spanischen Bürgerkrieg teilgenommen.

Ähnlich wie in der Bundesrepublik entwickelte sich der Koreakrieg zum Katalysator ostdeutscher militärpolitischer Überlegungen und hatte zur Folge, dass sich die Sowjetische Kontrollkommission dazu durchringen konnte, der FDJ die Erlaubnis zur Bildung "wehrsportlicher Interessengemeinschaften” zu erteilen. Dem damaligen Vorsitzenden der FDJ und späteren Staatsratsvorsitzenden, Erich Honecker, wurde von der SED die schwierige Aufgabe übertragen, die Jugendlichen zum Eintritt in die bewaffneten Kräfte zu motivieren.

Immerhin gehörten im Juli 1950 bereits 92% der Offiziere der Hauptverwaltung für Ausbildung der SED an und 41% konnten sogar bereits auf eine Mitgliedschaft in der FDJ verweisen. Der hohe Organisationsgrad konnte indessen nicht verhindern, dass von den 218 im dritten Quartal 1950 desertierten Volkspolizisten sogar mehr als 18% Mitglieder der SED waren, die sich durch Flucht nach Westdeutschland dem Dienst in den kasernierten Bereitschaften entzogen. Immerhin konnte die HVA als Erfolg verbuchen, dass 61% des Offizierkorps und mehr als 80% der Unteroffiziere und Mannschaften aus der Arbeiterschaft rekrutiert werden konnten.(FN28) Außerdem durfte die HVA mit Unterstützung der Roten Armee am 30. Oktober 1950 mit dem Aufbau der aus Tarnungsgründen "Zweigstelle Johannisthal” genannten Dienststelle mit den Vorarbeiten zur Aufstellung einer Luftwaffe beginnen.

1951 rekrutierte sich das Offizierskorps der HVA bereits zu 91% aus der Arbeiterschaft, wobei die befohlene klassenmäßige Auswahl nicht ohne unerwünschte negative Auswirkungen blieb: 88% der Offiziere hatten lediglich eine achtklassige Volksschule besucht, lediglich 10% besaßen die mittlere Reife, und Offiziere mit Abitur und Studium blieben weiterhin die große Ausnahme.(FN29) Ulbricht äußerte sogar nach mehreren Truppenbesuchen im engsten Führungskreis der SED, dass ein "gewisser Anteil des Offizierskorps der Hilfestellung beim Erlernen der deutschen Sprache und der Grundrechenarten bedürfe". (FN30) Unter diesen Vorzeichen erhöhte sich die Bedeutung der Offiziere aus der Wehrmacht, die immer mehr zum unverzichtbaren Schlüsselpersonal, aber auch gleichzeitig immer mehr zum Fremdkörper wurden. Die ehemaligen Offiziere, die nach den Bildungskriterien der Reichswehr und der Wehrmacht ihre Ausbildung durchlaufen hatten, bildeten eine in der Partei unbeliebte Sondergruppe, deren Verhalten nach Einschätzung Hoffmanns "noch lange mit den Gepflogenheiten und Privilegien der Offiziere in bürgerlichen Armeen verbunden blieb". (FN31) Weiterhin bemängelte der Chef der HVA, dass es seinem Stabschef Müller und den anderen Generälen aus der Wehrmacht offensichtlich sehr schwer falle zu akzeptieren, dass die politisch Verantwortlichen in allen Befehlen die Beschlüsse der Partei widergespiegelt sehen wollten. Hingegen verstanden die Offiziere aus der Wehrmacht ihren Dienst als rein militärische Aufgabe und konnten sich - meist im krassen Gegensatz zu den jungen Offizieren - zudem der offen zur Schau getragenen Wertschätzung und Anerkennung der sowjetischen Militärberater sicher sein. Insgesamt kam die Führung der SED zu der Bewertung, dass sich der Chef des Hauptstabs und dessen Generalskameraden in ihren Auffassungen vor allem hinsichtlich der Anforderungen an den Bildungsstand des neuen Offizierskorps "nicht mit den Schwierigkeiten des sozialistischen Aufbaus vertrugen". (FN32) Ein weiteres Dilemma der HVA war die Tatsache, dass sie einerseits ihre militärische Ausbildung weiterhin unter strengster Geheimhaltung durchzuführen hatte und sich andererseits durch den verbalen Antimilitarismus der offiziellen Verlautbarungen der SED geförderten Tendenz zur entschiedenen Ablehnung militärischer Organisationen in der Bevölkerung vor ernste Probleme der Nachwuchsgewinnung gestellt sah. Die Führung der HVA musste in diesem Zusammenhang sogar mit Bestürzung feststellen, dass "sehr oft die Form und manchmal auch der Inhalt der offiziellen antimilitaristischen Propaganda außerhalb der Hauptverwaltung für Ausbildung für die Erziehung von kämpferischen Patrioten und Waffenträgern nachteilig ist". (FN33) Obwohl bis zum Jahresende 1951 sogar 73 Offiziere aus der HVA desertiert waren, äußerte sich Ulbricht auf Konferenzen zuversichtlich im Hinblick auf die Weiterentwicklung der HVA zu einer künftigen ostdeutschen Armee.

Erst im April 1952 zerstreute der an Pieck und Ulbricht erteilte plakative Auftrag des sowjetischen Staatschefs, eine "Volksarmee ohne Geschrei" aufzustellen, endgültig alle latent vorhandenen ostdeutschen Befürchtungen, von den Sowjets doch noch zu Gunsten weiter reichender gesamtdeutscher Interessen fallengelassen zu werden.

Die Bereitschaft Stalins, die DDR nun offiziell ein Militärkontingent von 300.000 Mann aufstellen zu lassen, deutete an, dass die Sowjetunion unter dem Eindruck der als sicher geltenden Einbeziehung des westdeutschen Militärpotenzials an der Seite des Westens in der DDR nunmehr einen durchaus ernsthaften Verbündeten sah, der die Verschiebung des konventionellen Kräftegleichgewichts zu Gunsten der USA relativieren konnte.(FN34) Sich des auf Grund der Eskalation des Kalten Krieges eingetretenen grundlegenden Wandels in der Beziehung zur Sowjetunion bewusst, registrierten Pieck und Ulbricht aufmerksam und mit Befriedigung die unmittelbar nach dem Gespräch in Moskau tatsächlich erfolgende Überlassung von 361 Kampfpanzern und weiteren schweren Geräts, darunter 109 Selbstfahrlafetten, 47 Haubitzen und 115 Panzerspähwagen aus sowjetischen Beständen an die bewaffneten Kräfte des künftigen Bundesgenossen, die seit Juli den Namen Kasernierte Volkspolizei (KVP) trugen.(FN35) Mit dieser handfesten Rückendeckung aus dem Kreml, die einer Bestandsgarantie für den ostdeutschen Teilstaat gleichkam, konnte Ulbricht den Delegierten der 2. Parteikonferenz der SED am 9. Juli 1952 nunmehr verkünden, dass der Aufbau des Sozialismus in der DDR zur "grundlegenden Aufgabe der Partei" geworden war.

Während diese Ankündigung Jubel bei den Anwesenden auslöste, tat sich Pieck schwerer, als er dem Parteitag erklärte, dass es zur Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft gehöre, nationale Streitkräfte zu schaffen. Die Forderung nach Aufstellung einer Armee stieß hingegen auf starke Vorbehalte pazifistisch eingestellter Delegierter. Mit der ohne vorangegangene Laufbahnprüfung erfolgenden Beförderung von 120 Unteroffizieren und Mannschaften der Volkspolizei See zu Offizieren unterstrich die Führung der KVP, dass die von der Partei vorgegebene Linie, die Kaderauswahl für den Staatsapparat zu forcieren, konsequent umgesetzt werden sollte.(FN36) Der Präsident der DDR fiel in der Folgezeit als Motor der weiteren Entscheidungen aus, da er sich einem Kuraufenthalt in der Sowjetunion unterziehen musste und die dramatischen Ereignisse des Jahres 1953 deswegen lediglich in einer Zuschauerrolle fernab der Entscheidungszentralen erlebte. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den politischen und ökonomischen Verhältnissen in der DDR waren im Vorfeld des Volksaufstandes auch in der KVP zu spüren gewesen: 697 Angehörige der bewaffneten Kräfte, darunter 36 Offiziere, waren im ersten Halbjahr desertiert. Vor allem eine Gruppendesertion von fünf Soldaten in Eggesin, die sich während einer Marschübung abgesetzt hatten, schreckte die Führung der KVP im ersten Halbjahr des Jahres 1953 auf.(FN37) Der plötzliche Tod Stalins am 5. März 1953 und die Machtkämpfe seiner Nachfolger ließen die deutschlandpolitischen Ambitionen der Sowjetunion jedoch erst einmal in den Hintergrund treten und sorgten für zusätzliche Unruhe und Ungewissheit in der SED-Führung.

Vom Volksaufstand 1953 bis zur Aufstellung der Nationalen Volksarmee 1956

Der Volksaufstand am 17. Juni war zwar in erster Linie durch die ökonomische Krise und die politische Unterdrückung der Bevölkerung durch die SED provoziert worden, jedoch richtete sich der Volkszorn auch vereinzelt gegen die Kasernierte Volkspolizei, deren Führung in den vergangenen Jahren alles getan hatte, sich ein wirksames Machtinstrument zu schaffen, das bereit war, der Staatsführung im Ernstfall bedingungslos zu gehorchen. Als dieser Ernstfall jetzt unübersehbar eingetreten war, bot Hoffmann dem Kommandeur der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, Generaloberst Gretschkow, sofort die Unterstützung der KVP an. Gretschkow ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass er die Niederschlagung des Aufstands als rein sowjetische Angelegenheit im Zuständigkeitsbereich der Besatzungsmacht ansah, und befahl dem ob dieser Absage erstaunten Chef der KVP, dass dieser sich und seine Verbände "lediglich bereithalten" sollte. Erst als die Sowjets bereits 500 Kampfpanzer zur blutigen Niederschlagung des Aufstandes eingesetzt hatten, wurde die KVP mit Billigung Gretschkows in Alarmzustand versetzt.(FN38) Insgesamt waren am 17. Juni zur Unterstützung der Roten Armee 8.133 Volkspolizisten eingesetzt, deren Zahl sich bis zum 22. Juni auf 13.390 steigerte. Da die sowjetischen Berater der ostdeutschen Verbände die alleinige Verfügungsgewalt über Waffen und Munition der Kasernierten Volkspolizei besaßen und diese Grundtatsache sich selbst in der entstandenen Krisenlage nicht änderte, waren die eingesetzten Volkspolizisten meist unbewaffnet. Das vorhandene Großgerät wie Kampf- und Schützenpanzer kam gar nicht zum Einsatz. Zwar hatte sich die KVP insgesamt als zuverlässig im Sinne der Staatspartei erwiesen, und auch der Präsident der DDR gratulierte der KVP zur Niederschlagung des von ihm als "faschistisches Abenteuer" gedeuteten Volksaufstandes, doch wurden im Anschluss an den 17. Juni allein 101 Parteiverfahren gegen Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften durchgeführt, denen "kapitulantenhaftes Verhalten" und "Nichtverstehen des Charakters der KVP und der Rolle des Staates" zur Last gelegt wurden. 3.500 Volkspolizisten wurden wegen ihres Verhaltens während des Volksaufstandes bis zum Jahresende entlassen und dadurch der verbliebene Personalbestand noch mehr auf die Staatspartei eingeschworen.(FN39) Die Tatsache, dass die Masse der Offiziere auch im Krisenjahr 1953 lediglich einen Volksschulabschluss hatte und 5% nicht einmal diesen vorweisen konnten, erschwerte den Ausbildungsdienst zusätzlich.(FN40) Das zuständige Innenministerium bemühte sich in der Folgezeit, die "große Begeisterung vor und während des Einsatzes" und den "großen Aufschwung des politisch-moralischen Zustandes der Truppe auf das tiefe Bewusstsein der Verbände, die Sache der Arbeiterklasse, der Partei und der Regierung zu verteidigen", zu betonen.(FN41) In der Tat waren die Ankündigung eines Panzersoldaten aus Burg, der geäußert hatte, dass sein Panzer selbst dann nicht die Halle verlassen würde, wenn das befohlen würde, oder ein Vorkommnis wie in Zittau, wo in einer Unterkunft auf einer Toilettentür der Schriftzug "Nieder mit Pieck" angebracht worden war, innerhalb der KVP Ausnahmen geblieben.(FN42) Die KVP hatte sich insgesamt im Sinne der Staatsführung als zuverlässiges Organ erwiesen.

Zwei Wochen nach dem 4. Parteitag der SED im Jahr 1954 zeigte sich Ulbricht, der vom Politbüro mit der Überprüfung der Beschlüsse zur weiteren Entwicklung der bewaffneten Kräfte beauftragt worden war, im Gespräch mit Offizieren davon überzeugt, dass sich die KVP zu einer kampfstarken Truppe entwickelt habe. Allerdings waren vor allem die gravierenden Bildungsprobleme im Offizierskorps immer noch nicht gelöst. Der Generalsekretär sah sich sogar veranlasst, interne Hilfestellungen für die Offiziere beim Erlernen der deutschen Sprache und im Rechnen anzumahnen.(FN43) Mit Blick auf den Stand der Wiederbewaffnungsdiskussion in der Bundesrepublik forderte Ulbricht im Dezember 1954 öffentlich die Schaffung nationaler Streitkräfte. Diese nationalen Streitkräfte sollten erfüllt sein vom Hass gegen "die Großgrundbesitzer und Militaristen Westdeutschlands", und gleichzeitig machte er seinen Zuhörern klar, was er persönlich vom Pazifismus hielt: "Es darf keine pazifistischen Tendenzen in unseren Streitkräften geben und auch nicht mehr in der Arbeiterklasse und den werktätigen Bauern." (FN44) Im Jahr 1955 strebten Pieck und Ulbricht gemeinsam mit der eigens für Militärfragen eingesetzten Sicherheitskommission eine Umorientierung bei der Auswahl der Offiziersanwärter an, die sich nunmehr auf den Kreis der Fach- und Oberschüler beschränken sollte. Damit wurde die bisherige Linie der Rekrutierung vorsichtig korrigiert. Außerdem wurde von der Parteiführung festgelegt, dass bis zum 1. Mai 1955 40.000 jugendliche Parteimitglieder auf "freiwilliger Basis” zur Ableistung ihres Dienstes in den bewaffneten Organen eingezogen werden sollten. Die Zwangsverpflichtung löste zwar auf einen Schlag alle Rekrutierungsprobleme, doch zugleich führte es das immer wieder beschworene Prinzip der Freiwilligkeit ad absurdum. Unmittelbar nach dem Beitritt der Bundesrepublik zur NATO unterzeichnete Pieck mit einmütiger Zustimmung aller in der Volkskammer vertretenen Fraktionen den Warschauer Vertrag und damit die darin vorgesehene Eingliederung der DDR in die von der Sowjetunion dominierte Militärorganisation. Erneut war es Honecker, der dieses unpopuläre Politikfeld zu beackern hatte. Honecker hatte den dem Militärdienst gegenüber eher skeptisch eingestellten Jugendlichen seiner Organisation während des V. Parlaments der FDJ jetzt zu erklären, dass es seiner Auffassung nach "durchaus normal ist, das Waffenhandwerk zum Schutz des sozialistischen Vaterlandes zu erlernen". Wie entsagungsvoll die übernommene Aufgabe jedoch tatsächlich war, lässt sich indirekt aus den streng geheimen Protokollen des Kollegiums für Nationale Verteidigung erschließen, in denen noch im Jahr 1960 festgestellt werden musste, dass auch fünf Jahre nach der Grundsatzentscheidung zur Aufstellung einer regulären Armee in den Elternhäusern und bei den Erziehern die Erkenntnis der Notwendigkeit einer ständigen Verteidigungsbereitschaft offensichtlich nicht in dem von der Staatsführung für notwendig erachteten Umfang vorhanden war. Außerdem beklagten die Mitglieder des Kollegiums ebenfalls im Jahr 1960 immer noch starke pazifistische Tendenzen in der Bevölkerung, die für die anhaltenden Rekrutierungsschwierigkeiten mitverantwortlich gemacht wurden.(FN45) Nichtsdestotrotz konnte der Chef der KVP im Dezember der Staatsführung seine geplanten Maßnahmen zur Genehmigung vorlegen. Diese sahen die Aufstellung von sechs motorisierten Infanteriedivisionen, zwei mechanisierten Divisionen und einer Panzerdivision aus den bereits vorhandenen Strukturen der Kasernierten Volkspolizei vor.(FN46) Im Gegensatz zur Bundesrepublik, wo die Proteste gegen die Wiederbewaffnungspolitik Adenauers auch nach der offiziellen Aufstellung der Bundeswehr am 12. November 1955 nicht abflauten, bot die Militärpolitik der DDR nach außen hin ein harmonisch wirkendes Bild der Geschlossenheit. Das Gesetz über die Aufstellung der Nationalen Volksarmee passierte die Volkskammer am 18. Jänner 1956, ohne auf Ablehnung einer der vertretenen Fraktionen zu stoßen. Mit der Übergabe der Truppenfahne an die 1. Mechanisierte Division der Nationalen Volksarmee am 30. April 1956 in Potsdam begann die planmäßige Überführung der Kasernierten Volkspolizei in die regulären Streitkräfte, die mit der Auflösung der KVP am 31. Dezember 1956 ihren Abschluss fand.

Auf Grund der gezielten personellen Vorarbeit der Hauptverwaltung für Ausbildung und der Kasernierten Volkspolizei war es Pieck und Ulbricht bis zum Sommer 1956 tatsächlich gelungen, ein ihren Vorstellungen entsprechendes Offizierskorps zu bilden. Dieses neue Offizierskorps setzte sich zu 82% aus der Arbeiterschaft, zu 12% aus Angestellten, zu 3% aus Bauern und weiteren 3% aus übrigen Schichten zusammen. Dass 86% der Offiziere zudem der SED angehörten, rundete dieses Bild ab und erfüllte die Planer in Ostberlin mit besonderem Stolz.(FN47) Dass im Jahr der Aufstellung der Nationalen Volksarmee hingegen immer noch 28,8% dieses Offizierskorps überhaupt keinerlei militärische Ausbildung vorweisen konnten und weitere 9% lediglich in so genannten "Qualifizierungslehrgängen" im Schnellverfahren und meist nur unzureichend auf ihre Aufgaben in der Truppe vorbereitet werden konnten, erschien zweitrangig: Zwar warnte der Chef des Hauptstabs seinen Minister, dass er bei der Dienstaufsicht festgestellt hatte, dass "unsere Offiziere die deutsche Sprache schlecht beherrschen", doch riet General Müller, "dass wir heute lieber niedrigere Forderungen stellen sollten und unsere Forderungen im Laufe der Zeit erhöhen". (FN48) Hierzu sollten sich von jetzt an die mit Personalfragen befassten Dienststellen auf Weisung der politischen und militärischen Führung verstärkt um Oberschüler, Studenten und Absolventen der Arbeiter- und Bauernfakultäten bemühen und diese Personengruppe zielgerichtet für den Dienst in der NVA gewinnen.

Schluss

Während sich das Offizierskorps der Bundeswehr in den ersten Jahren seiner Aufstellung vor allem aus Angehörigen traditioneller Bildungseliten des Kaiserreichs und der Weimarer Republik zusammensetzte und beim Aufbau der westdeutschen Streitkräfte gezielt auf die ehemaligen Offiziere der Wehrmacht zurückgegriffen wurde, entstand in der DDR unter dem Zwang der ideologischen Verhältnisse innerhalb einer Dekade ein Offizierskorps, das sicherlich das Prädikat der Einmaligkeit in der deutschen Militärgeschichte für sich in Anspruch nehmen konnte. Die SED hatte hierbei unübersehbar an Vorstellungen der alten KPD angeknüpft und damit auch in personeller Hinsicht ein bewusstes Gegenbild zur militärischen Entwicklung der Systemkonkurrentin Bundesrepublik gezeichnet. Als Preis für dieses Gegenbild nahm die Führung der DDR auch sehenden Auges erhebliche Defizite im Bildungs- und Ausbildungsstand des Offizierskorps in Kauf. Dies musste sich naturgemäß negativ auf die Effizienz des ostdeutschen Militärs niederschlagen. Die durch eine primär auf ideologischer Grundlage beruhenden Personalpolitik geradezu zwangsläufig hervorgerufenen Defizite konnten durch den in die Volksarmee und deren Vorläuferorganisationen Dienst tuenden geringen Prozentsatz an Offizieren aus der Wehrmacht in den Schlüsselstellungen kaum wirksam kompensiert werden. Als "klassenfremde Offiziere" von der Staatsführung misstrauisch beäugt und nicht selten zum Verdruss der überzeugten Parteimitglieder in der Truppe von den sowjetischen Militärberatern als exzellente Fachleute geschätzt, bildeten die Generäle und Stabsoffiziere aus der Wehrmacht eine Sondergruppe, die sich in Herkunft, Bildungsstand und Ausbildung völlig von dem nach den Vorstellungen der SED zu schaffenden neuen Offizierskorps unterschied. Bemerkenswert war ebenfalls die in Friedenszeiten ungewöhnlich hohe Zahl an Desertionen unter den Angehörigen der bewaffneten Kräfte. Selbst die Mitgliedschaft in der SED und die Verleihung eines Offiziersdienstgrades bewirkte bei den Angehörigen der kasernierten Verbände keine Immunisierung gegen Fahnenflucht und Desertion. Die immer stärker anschwellende Fluchtbewegung der Zivilbevölkerung aus der DDR in die Bundesrepublik hinterließ auch in den ostzonalen Polizeiverbänden ihre tiefen Spuren. Von daher bildeten auch die bewaffneten Organe trotz des immer wieder betonten Prinzips der Freiwilligkeit des Dienstes, der Kontrolle durch sowjetische Militärberater und der ideologischen Arbeit der SED innerhalb der Nationalen Volksarmee und deren Vorläuferorganisationen im bestimmten Umfang einen Spiegel der Gesellschaft. Ein weiteres Charakteristikum der Militärpolitik der SED war die strenge Geheimhaltung aller Aufrüstungsmaßnahmen und das Bemühen, der Bundesrepublik zumindest offiziell und gesetzgeberisch auf diesem bei der Bevölkerung in Ost- und Westdeutschland gleichermaßen unbeliebten Politikfeld den Vortritt zu überlassen - und sei es nur für wenige Monate. Auf der Grundlage der bereits geleisteten Vorarbeiten konnte jedoch mit Erlaubnis der Führungsmacht UdSSR bei Bedarf schnell nachgezogen und die Stellung des ostdeutschen Teilstaates innerhalb des sowjetisch dominierten Ostblocks gestärkt werden.

Der Überreichung der Truppenfahne am 30. April 1956 an den ersten Verband der Nationalen Volksarmee war ein gutes Jahrzehnt konkreter Vorarbeit vorangegangen. Kaum elf Jahre nach den weit reichenden Entmilitarisierungsbeschlüssen der Potsdamer Konferenz standen sich mit der Bundeswehr in der Bundesrepublik und der Nationalen Volksarmee in der DDR zwei deutsche Armeen in antagonistischen Bündnissystemen gegenüber. Wenn man die beiden deutschen Staaten als Geschwister des Kalten Krieges ansieht, kann man in den Streitkräften dieser beiden Staaten analog hierzu die ungeliebten, aber der Logik der globalen Systemauseinandersetzung zwischen Ost und West folgenden Stiefgeschwister des Kalten Krieges erkennen.(FN49) ANMERKUNGEN:

(Fußnote 1/FN1) Zum Gesamtkomplex Staatsgründung der Deutschen Demokratischen Republik: Wilfried Loth: Stalins ungeliebtes Kind - Warum Moskau die DDR nicht wollte, München 1996.

(FN2) Wilhelm Pieck: Gesammelte Reden und Schriften, Berlin (Ost) 1959.

(FN3) Vgl. Dokumente der Geschichte der SED, Berlin (Ost) 1986, Bd. 1, S.176.

(FN4) Leitsätze der KPD über den Frieden vom 19. Mai 1919, Text in: Dokumente und Materialien, Bd. VII/1, S.86.

(FN5) Vgl. Geschichte der Militärpolitik der KPD (1918-1945), Berlin (Ost), 1987, S.76ff.

(FN6) Ibid. S.127.

(FN7) Frank Heinz Bauer: Stiefgeschwister des Kalten Krieges - Bundeswehr und Nationale Volksarmee in der Aufstellungsphase 1947-1956, Essen 2004, S.106.

(FN8) Zum Themenbereich Roter Frontkämpferbund: Kurt Finker: Die Geschichte des Roten Frontkämpferbundes, Berlin (Ost) 1981.

(FN9) Vgl. Bauer, Stiefgeschwister, S.107.

(FN10) Richtlinien der KPD zur Wehrfrage. Text in: Dokumente und Materialien, Bd. VIII, S.786-791.

(FN11) Resolution des ZK der Kommunistischen Partei Deutschlands zur Lage (beschlossen am 14. Mai 1938), Text in: Die Internationale, Jahrgang 1938, Heft 5/6, S.7.

(FN12) Die Berner Konferenz der Kommunistischen Partei Deutschlands (30. Januar - 1. Februar 1939), hrsg. und eingeleitet von Karl Mammach, Berlin (Ost) 1974, S.88ff.

(FN13) Vgl. Karl-Heinz Frieser: Die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion und das Nationalkomitee "Freies Deutschland", Diss. Würzburg 1981, S.34ff.

(FN14) SAPMO-BArch, NY 36/418.

(FN15) Vgl. Heinz Voßke, Gerhard Nietzsche: Wilhelm Pieck. Biographischer Abriss. Berlin (Ost) 1975, S.237ff.

(FN16) Nachlass Generalleutnant a.D. Vincenz Müller. Notizen und Niederschriften über das Gespräch mit dem sowjetischen Generalleutnant Mechlis nach der Kapitulation und Gefangennahme der Reste der 4. Armee in der UdSSR am 08. Juli 1944, BA-MA, N 774/19, Bl.48ff.

(FN17) "Aufruf der Generäle an Volk und Wehrmacht" vom 8.12.1944, Text in: Bodo Scheurig (Hrsg.), Verrat hinter Stacheldraht? Das Nationalkomitee "Freies Deutschland" und der Bund Deutscher Offiziere in der Sowjetunion 1943-1945, München 1965, S.258ff.

(FN18) SAPMO-BArch, NY 65/16.

(FN19) Zum Auftrag der Sowjetischen Militäradministration Deutschland in der SBZ vgl. Kurt Arlt: Das Wirken der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland. In: Volksarmee schaffen - ohne Geschrei! Studien zu den Anfängen einer verdeckten Aufrüstung in der SBZ/DDR 1947-1952, hrsg. von Bruno Thoß im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamts, München 1994, S.110-117.

(FN20) Vgl. Grußadresse des Zentralkomitees der KPD an Wilhelm Pieck zu dessen 70. Geburtstag. Text in: Deutsche Volkszeitung Nr. 1 vom 5.1.1946.

(FN21) Bericht über die Entwicklung der Kasernierten Volkspolizei, BA-MA, DVH 3/2070, Bl.35.

(FN22) Vgl. Konferenz der Innenminister der Länder der SBZ in Werder/Havel am 21./22.4.1948. SAPMO-BArch, DVH 30/IV 2/13/109, Bl.226-228.

(FN23) Abschlussbericht des Leiters der Hauptabteilung PK der DvdI, Bialek, über die Heimkehrertransporte aus der UdSSR im September/Oktober 1948 im Lager Fürstenwalde vom 7.10.1948, BA-MA-MZAP Pt 7187, Bl.65-84.

(FN24) Schreiben des Präsidenten der DVdI, Fischer, an den Chef Hauptverwaltung Inneres der SMAD, Generalmajor Gorochow, zur Aufnahme und Verwendung der 5 + 100 Offiziere vom 14.9.1948, SAPMO-DO 1 7/42, Bl.50.

(FN25) Konferenz der Ministerpräsidenten, Landesvorsitzenden der SED und von Wirtschaftsfunktionären in Potsdam am 10.10.1948, Redebeitrag Fischer, SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/1/100, Bl.62-71.

(FN26) Vgl. BA-MA, DVH 3/2070 (Bericht über die Entwicklung der Kasernierten Volkspolizei), hier Bl.45.

(FN27) BA-MA, DVH 1/809, Bl.90.

(FN28) Vgl. Statistik über VP-Angehörige, die einer anderen Partei als der SED angehören, BA-MA, DVH 1/698, Bl.59 und 90.

(FN29) Strukturübersicht zum Offizierbestand in der HVA am 30.6.1951, BA-MA, DVH 3/3878ff.

(FN30) BA-MA, DVH 3/2066, Bl.4.

(FN31) Vgl. Heinz Hoffmann: Moskau, Berlin. Erinnerungen an Freunde, Kampfgenossen und Zeitumstände, Berlin (Ost) 1989, S.313.

(FN32) Ibid.

(FN33) Protokoll der IV. Parteikonferenz der SED im Dienstbereich der HVA vom 15. - 16.03.1952, BA-MA, DVH 1/696, Bl.26.

(FN34) Vgl. SAPMO-BArch, NY 36/696, Bl.12-15 und Bl.26-29 (Einträge Pieck am 1. und 7.4.1952).

(FN35) BA-MA, DVH 3/2070, Bl. 43. Die 361 Kampfpanzer vom Typ T-34/85 wurden kurze Zeit später um weitere 15 Kampfpanzer des Typs T-34/T ergänzt.

(FN36) Kaderbefehle Nr. 154-198, September-Oktober 1952, BA-MA, DVH 3/3768, Bl.205-208.

(FN37) Jahresbericht 1953 der Polit-Verwaltung, Angaben vom Autor auf Grundlage der Monatsmeldungen errechnet, BA-MA, DVH 3/3420, Bl.7.

(FN38) Vgl. Hoffmann, Moskau, Berlin, S.334.

(FN39) Vgl. Befehl 7/53 des Ministers des Innern, BA-MA, DVH 3/2006, Bl.70.

(FN40) BA-MA, DVH 3/2070, Bl.31,32.

(FN41) Erfahrungsbericht über den Einsatz der KVP, VP-See und VP-Luft bei der Niederschlagung der faschistischen Provokation in der Zeit vom 17.-22.6.1953, BA-MA, DVH 3/2070, Bl.46-80, hier Bl.49.

(FN42) Ibid, Bl.61.

(FN43) Ulbricht forderte auf der Tagung, dass "... Wege gefunden werden müssen, um den Offizieren und Mannschaften im größeren Umfange Vertraut (sic!) zu machen, mit der fortschrittlichen Wissenschaft, das (sic!) man ihnen helfen muss, richtig Deutsch und Rechnen zu lernen." BA-MA, DVH 3/2066, Bl. 4 (Referat des Genossen Ulbricht auf der Abschlussbesprechung der leitenden Offiziere der KVP in der Dienststelle Eggesin am Freitag, dem 7.5.1954).

(FN44) Rede des Genossen Ulbricht, 1. Sekretär des ZK der SED, auf einer Parteikonferenz von Offizieren und Soldaten der KVP einer territorialen Einheit am 18.12.1954, BA-MA, DVH 3/2066, Bl.12ff.

(FN45) Vgl. Kollegiumsprotokoll vom 25.5.1960 und vom 17.4.1961, BA-MA DVW 1/5505, Bl.22 u. BA-MA, DVW 1/5507, Bl.55.

(FN46) Vorschlag für Maßnahmen zur Vorbereitung der Kasernierten Volkspolizei in eine Kaderarmee vom 14.12.1955, BA-MA, DVH 3/2066, Bl.12.

(FN47) Kollegiumsprotokoll 3/57, BA-MA, DVW 1/2032, Bl.62-66. In einer anderen Quelle wird allerdings davon abweichend für das Jahr 1956 der Anteil von Mitgliedern und Kandidaten der SED im Offizierskorps mit 77,7% angegeben (BA-MA DVW 1/55502, Bl.97).

(FN48) Kollegiumsprotokoll vom 26.1.1959, BA-MA, DVW 1/55502, Bl.98 und Kollegiumsprotokoll 3/56, BA-MA, DVW 1/2028, Bl.18f.

(FN49) Zum Gesamtkomplex Aufstellung der Bundeswehr: Frank Heinz Bauer: "Sage mir, wo die Soldaten sind..." Frühe Überlegungen zum personellen Neuaufbau westdeutscher Streitkräfte bis 1956, in: ÖMZ 1/2005, S.13-20.

Dr. Frank Heinz Bauer

Geb. 1965; Major der Reserve (Bundeswehr); Abitur in Offenbach am Main; 1984-1992 Ausbildung und Einsatz als Offizier der Heeresflugabwehrtruppe der Bundeswehr; 1992-1996 Studium der Mittleren und Neuen Geschichte, Alten Geschichte und Politikwissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main; 1996-1999 Promotion im Fachbereich Geschichtswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main; seit 1999 Tätigkeit in der wissenschaftlichen Politikberatung und als freier Journalist mit zeithistorischem Arbeitsschwerpunkt.



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