Miliz & Wirtschaft: Interview mit Gerhard Dafert
In der Interviewreihe "Miliz & Wirtschaft" sprach Oberst Mario Strigl, Verbindungsoffizier für Wirtschaft des Milizbeauftragten, mit Gerhard Dafert. Dafert ist Leiter der Personalabteilung des Landes Niederösterreich. Das Land Niederösterreich umfasst vielfältige Aufgabenbereiche. Die klassischen Bereiche sind das Amt der NÖ Landesregierung und die Bezirkshauptmannschaften, der NÖ Straßendienst, die Gebietsbauämter und die Landeskindergärten. Aber auch Fach- und Berufsschulen sowie Jugendheime werden vom Land betrieben. Die Spitäler und Pflegeheime sind zur Landesgesundheitsagentur ausgelagert.
Das Interview
Mario Strigl: Sehr geehrter Herr Dafert, lieber Gerhard, das Land Niederösterreich hat mehr als 14.500 Mitarbeiter, davon über 8.500 Frauen, ohne Krankenhäuser und Pensionistenheime. Befinden sich auch Milizsoldaten unter ihnen?
Gerhard Dafert: Ja, wir haben trotz des hohen Frauenanteils einige Milizsoldaten. Insgesamt haben in den letzten 20 Jahren 180 unserer Mitarbeiter einen Wehrdienst geleistet, darunter auch Auslandseinsätze, wobei die Anzahl der Milizübungstage in den letzten Jahren stark rückläufig ist.
Was bedeutet der Begriff "Miliz" für dich heutzutage?
Ich war selbst lange Zeit Milizsoldat, Unteroffizier beim Panzergrenadierbataillon 9 in Horn, zum Schluss Kommandant eines Panzerabwehrrohr-Trupps. Grundsätzlich ist die österreichische Miliz für mich eine sehr sinnvolle Einrichtung, ein idealer Weg für den Staat, zusätzliches Personal in Krisenzeiten zu gewinnen, unter maximaler Reduzierung der Vorhaltekosten. Man bekommt Soldaten, wenn man sie braucht.
Heuer gab es erstmals eine teilweise Aufbietung der Miliz. Was hat das für deinen Bereich im Land bedeutet?
Bei uns hat es drei Mitarbeiter betroffen, die 113 Tage Einsatzpräsenzdienst geleistet haben. Ich als Leiter der Personalabteilung kann dazu festhalten, dass diese Einberufung offenbar vollkommen friktionsfrei ablief, da ich nicht damit konfrontiert wurde.
Wie wart bzw. seid ihr selbst von der aktuellen Corona-Pandemie betroffen?
Als Land NÖ waren wir massiv und höchst unterschiedlich betroffen. Wir haben Bereiche im Kindergartenwesen und Jugendheimbereich mit Betreuungspflichten und allen damit verbundenen Schwierigkeiten, diese in diesen fordernden Zeiten aufrechtzuerhalten. Dann der Straßenbereich, in dem einige Mitarbeiter an der Grenze standen und geholfen haben, den Reiseverkehr mitabzuwickeln – diese wurden in der Folge teilweise vom Bundesheer abgelöst. Unsere klassische erste Aufgabe war natürlich die Arbeit in den Sanitätsstäben, sowohl hier beim Amt der Landesregierung in der Zentrale als auch in den 20 Bezirkshauptmannschaften, in denen das Contact Tracing abgewickelt, die Daten eingegeben, die Quarantänebescheide erstellt, die Absonderungen oder Untersuchungen in Auftrag gegeben und Laborergebnisse kommuniziert wurden.
Im Bürobetrieb gab es erhebliche Umorganisationen: Innerhalb von ein bis zwei Tagen wurde der Betrieb auf mobiles Arbeiten (Home Office) umgestellt, in einigen Organisationseinheiten sogar bis zu 100 Prozent. In den Bürobereichen waren in etwa 80-90 Prozent im Homeoffice.
Wie organisiert ihr es, wenn jemand einberufen wird?
Ein Milizsoldat bekommt im Falle seiner Einberufung bei uns eine unbezahlte Freistellung, einen Sonderurlaub, und wir stellen im Bedarfsfall Bestätigungen für den Verdienstentgang aus.
Eine große Problematik stellen für uns aber klassische Doppelfunktionen unserer Mitarbeiter dar: Wenn einer in der Miliz zum Beispiel Kommandant einer Pionierkompanie ist und bei uns im Land Niederösterreich im Krisenstab, bringt das große Herausforderungen für alle Beteiligten und betroffenen Organisationen und eben auch für das Bundesheer. Da sind Beorderungen in Bezug auf ihre Sinnhaftigkeit zu hinterfragen – ein Kommandant, der im Einsatzfall aufgrund seiner zivilen Profession nie einrücken können wird, macht vermutlich wenig Sinn.
Kennst du das Milizgütesiegel?
Nein, davon habe ich noch nie gehört.
Ich werde dir noch heute Informationen dazu zusenden. Das bringt mich auch gleich zu meiner nächsten Frage: Viele Unternehmen oder Organisationen sehen bei einem ehrenamtlichen Engagement nur die Abwesenheit des Mitarbeiters. Welchen Mehrwert bringen deiner Meinung nach Milizsoldaten für Unternehmen?
In jedem Ehrenamt beschäftigt man sich mit Führung, in der Miliz ist man oft in einer Zwischen-Vorgesetztenrolle, man lernt Menschenführung, man lernt Aufträge abzuarbeiten. Die Instrumente der Personalführung und Personalauswahl kommen ursprünglich großteils aus dem militärischen Bereich, Beispiel Assessmentcenter. Beim Bundesheer lernt man auch, trotz der Befehlslage den Hausverstand einzusetzen, breiter zu denken, alternative Lösungswege anzugehen. Selbstständiges Denken, Entscheidungen zu treffen in wenigen Minuten – und natürlich die Verantwortung dafür zu tragen. Das sind alles Eigenschaften und Fähigkeiten, die gute Mitarbeiter auszeichnen. Jede Organisation kann sich glücklich schätzen, wenn ihre Mitarbeiter diese mitbringen. Und zur Abwesenheit: Ein Milizsoldat ist normalerweise alle zwei Jahre für fünf Tage abwesend, das ist die statistische Bandbreite bei jährlichen Krankenstands-Zahlen. Das muss verkraftbar sein.
Das aktuelle Regierungsprogramm sieht eine Stärkung der Miliz vor. Wie kann man Arbeitgeber deiner Meinung nach dafür begeistern?
Einem Arbeitgeber muss bewusst gemacht werden, dass ein Milizsoldat einen Mehrwert bringt, er zusätzliche Qualifikationen mitbringt, er Fähigkeiten gelernt hat, die ihm und dem Unternehmen auch im beruflichen Alltag weiterhelfen. Wenn sich einer bei der Feuerwehr oder dem Bundesheer für die Allgemeinheit einsetzt, wird er sich auch im öffentlichen Dienst oder einem Unternehmen verstärkt und mit vollem Engagement für dieses einsetzen.
Vielen Dank Gerhard, "Engagement" ist der perfekte Schlusspunkt.