Ausbildung am Puls der Zeit
"Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit", sagt ein altes Sprichwort nach Schiller. In der Abteilung "Ausbildung A" der Gruppe Ausbildungswesen im Verteidigungsministerium läuft man nicht Gefahr, diesem Schicksal zu erliegen. Hier ist man sich bewusst, dass das Thema Ausbildung ein fließendes, sich veränderndes Produkt ist, dessen Erfolg von der Zeit, den Generationen und den technologischen Möglichkeiten abhängt. Generalmajor Anton Wessely ist hier der Chef und gibt dem Produkt die Form. Oberstleutnant Claus Triebenbacher sprach mit ihm über das "Containerschiff Ausbildung", die Zeichen der Zeit und die neue modulare Ausbildung zum Miliz-Unteroffizier.
Das Interview
Claus Triebenbacher: Herr Generalmajor, danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Kommen wir gleich zur ersten Frage: Was sind die Aufgaben der Ausbildung A?
Anton Wessely: Ich bedanke mich für diesen Termin. Ausbildung A ist eine von vier Abteilungen der Gruppe Ausbildungswesen. Diese besteht aus den Abteilungen Ausbildung A, Ausbildung B, Vorschriftenabteilung und der Abteilung Heeressport. Die "Ausbildung A" beschäftigt sich mit der zentralen Planung und Steuerung der Ausbildung. Wir liefern einerseits die Ausbildungsvision und die Ausbildungsphilosophie – wo wollen wir langfristig hin? Und bei langfristig sprechen wir von einem Zehn-Jahres-Zyklus. Andererseits beschäftigen wir uns mit dem Individuum, also der Einzelausbildung an den Akademien und Schulen. Ein weiterer Punkt in unserem Aufgabenspektrum ist die Kollektivausbildung, also das gemeinsame Üben in der Einheit und im Verband, im Sinne der Ausbildung zur Einsatzvorbereitung. Aus unternehmensstrategischer Sicht spannen wir den Schirm über die Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie die Lehrkonzepte im Bundesheer.
Sie sind seit 2005 in der Abteilung, mit zwischenzeitlichen Unterbrechungen. Was hat sich seit damals in der Ausbildung verändert?
Vom konzeptionellen Gedankengut Gott sei Dank nichts. Das vorausschauende Planen ist nach wie vor unser Grundsatz und muss es auch bleiben, um solide Rahmenbedingungen und Planungssicherheit herzustellen. Sonst haben in vielen Bereichen alternative Ausbildungsmethoden Einzug gehalten. Wir gehen vor allem seit der jüngeren Vergangenheit dazu über, dass wir – parallel zur klassischen Präsenzausbildung – alternative Ausbildungswege beschreiten. Ein Teilnehmer mit Erfahrung in seinem Beruf, in seiner Tätigkeit, kann sich selbst daheim zu einem Thema vorbereiten und dieses Wissen in einer kurzen Präsenzphase unter Beweis stellen. Damit kann er – je nach Vorwissen – Teile eines Lehrgangs oder den ganzen Lehrgang angerechnet bekommen. Das wird besonders für die Milizlaufbahn interessant. Diese Variante bieten wir mit kommendem Jahr in der Stabsdienstausbildung im Rahmen der Offiziersweiterbildung an.
Auf gefechtstechnischer Ebene wird diese Methode auch in der neu entwickelten modularen Miliz-Unteroffiziersausbildung Anwendung finden. Die Herausforderung dabei ist: Je niedriger die Ebene und je komplexer das Waffensystem oder Gerät, desto schwieriger ist es, die Ausbildungsinhalte alleinverantwortlich zu lernen, vor allem aber zu üben. Natürlich kann man das sich Wissen aus Vorschriften und Dienstbehelfen aneignen, die wirkliche Handhabung von Systemen muss aber in einer kurzen Präsenzphase aufgeschult werden. Um diese Möglichkeit in Anspruch zu nehmen, bedarf es Erfahrung, Wissen, Selbstsicherheit und Eigenmotivation. In der Planung der Ausbildung selbst bevorzugen wir nicht den revolutionären Weg, in dem wir regelmäßig alles umschmeißen, sondern den evolutionären, in dem wir Zug um Zug alternative Ausbildungsmethoden anbieten. Nicht, um damit Lehrgänge zu ersetzen, sondern um die Bandbreite und die Flexibilität größer zu machen.
Wenn Sie zurückblicken, gibt es etwas, von dem Sie sagen "Das war gut, das sollten wir wieder machen"?
Rückblickend gesagt gibt es fast nichts, das in der Vergangenheit nicht schon angedacht wurde. Das Positive ist, dass über alle Ebenen eine große Begeisterung herrscht, mitzuarbeiten. Als Herausforderung sehe ich im Ausbildungswesen die jeweiligen persönlichen Erfahrungen von Personen. Jeder ist irgendwann ausgebildet worden, hat selbst ausgebildet und will diese persönlichen Erfahrungen als gewichtiges Argument einbringen. All diese Ideen müssen koordiniert und beurteilt werden. Viele Erfahrungen, was funktioniert und was nicht, sollten bewahrt und beachtet werden, um nicht oftmals von Neuem beginnen zu müssen. Wenn man von gesetzten Meilensteinen und Grundsätzen aus weiterarbeitet, kommt man mit weniger Ressourcen schneller zu einem Ergebnis.
Ihr 23-jähriger Sohn ist gerade in der Ausbildung zum Berufsunteroffizier. Wie sieht er die Ausbildung?
Er ist nicht der klassische Fall des Neueinsteigers in die Ausbildung zum Berufsunteroffizier. Er hat mit der Ausbildung schon einmal begonnen und fiel wegen einer Verletzung aus. Jetzt holt er die Ausbildung nach. Er – und auch seine Kameraden – sind vom Aufbau und der Ausbildung selbst begeistert. Vor allem die Durchmischung der Personengruppen kommt gut an. Dass Offiziere und Unteroffiziere, Beruf und Miliz, ein Stück des Weges gemeinsam gehen, kommt sehr gut an. Die Ausbildung hat sich mittlerweile gut eingeschliffen, wir drehen jetzt nur noch an kleinen Stellschrauben.
Zur Kaderanwärterausbildung wird der Nachteil genannt, dass die Verbände heute fertige Unteroffiziere bekommen, die sie nicht kennen. Früher verpflichtete sich der Berufssoldat bei seinem Verband, wuchs dort auf und ging immer wieder auf Kurse. Wie sehen Sie das?
Dazu gibt es zwei Strömungen: Die eine ist, im Verband aufzuwachsen und quasi berufsbegleitend auf Kurse zu gehen. Dem gegenüber steht die kompakte Ausbildung in 18 Monaten. Mit der Kaderanwärterausbildung können wir größere Mengen in kürzerer Zeit durch die Ausbildung schleusen. Das Zusammenspiel der Akademien und der Waffengattungsschulen in einer gemeinsamen Ausbildung hat den Vorteil, dass wir sehr effizient alle Waffengattungen ausbilden können. Machen wir das Zug um Zug, unterstützt es die persönlichen Erfahrungen im Verband, die Ausbildung lässt sich aber schlechter planen. Diese ist im Zuge einer geblockten Ausbildung einfach besser planbar. Der persönlichen Entwicklung im Verband ist dann durch die Kommandanten besonderes Augenmerk zu schenken.
Die modulare Milizunteroffiziersausbildung ist in kurzer Zeit Realität geworden. Was waren die Herausforderungen bei der Planung?
Sehr philosophisch gedacht sehe ich die Ausbildung wie ein vollbepacktes Containerschiff. Es hat eine vorgegebene Fahrtstrecke und viele unterschiedliche Pakete an Wissen, an Modulen, an Lehrplänen, und so weiter an Bord, die darauf gestapelt und verzurrt sind. Nimmt man den untersten Container weg, ist das eine relativ große Herausforderung und kann dazu führen, dass vieles durcheinander fällt und einige Container ins Meer kippen. Was ich damit sagen will, ist: Ausbildung muss flexibel sein und die Zeichen der Zeit erkennen. Sie muss auch vorausdenken, manchmal auch der Zeit voraus zu sein.
Grundsätzlich muss man aber aufpassen, Systematiken nicht zu schnell zu ändern. Ausbildung, Übungen und Einsatzvorbereitung sind für das Folgejahr bereits im Detail fixiert, Ressourcen sind verplant. Für das übernächste Jahr ist das auch schon mit Masse der Fall. Öffnet man jetzt unterjährig eine Systematik, liegt die Herausforderung nicht im Design, sondern sie kurzfristig in das bereits laufende Ausbildungsjahr zu implementieren. Große Anerkennung an alle in diesem Projekt involvierten Stellen, weil in kürzester Zeit in wenigen Besprechungen schnell ein gemeinsames Verständnis hergestellt werden konnte und jetzt der planerische Grundstein zur Umsetzung gelegt ist. Im Bereich der Planungen war es eine große Herausforderung, Inhalte so zu paketieren, dass man das essentielle Wissen in den kurzen Präsenzphasen vermitteln und die Erfahrungen und Kenntnisse glaubhaft überprüfen kann. Und diese Pakete in das laufende Ausbildungsjahr einzubetten. Das haben wir geschafft!
Sie sind Mitglied im Kuratorium für Umfassende Landesverteidigung. Welche Funktion haben Sie dort?
Ich repräsentiere dort den Bereich der militärischen Landesverteidigung, neben den anderen Bereichen der Umfassenden Landesverteidigung. Die österreichische Bevölkerung hat den Wert einer umfassenden Landesverteidigung wiedererkannt. Militärische Landesverteidigung ist wichtig, aber nur im Zusammenspiel aller Teilbereiche können wir gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen gemeinsam abfangen. Die geistige Landesverteidigung im Zuge des Unterrichts an den Schulen ist ein besonders wichtiges Thema. Im Sinne des gesamtstaatlichen Ansatzes gibt es gewisse Pflichten: Wehrpflicht, Steuerpflicht, Schulpflicht, um nur einige Aspekte notwendiger Vorgaben zum gesamtstaatlichen Funktionieren zu nennen. Hier wäre es wichtig, beginnend im Schulunterricht, das Verständnis für notwendige Vorgaben und Regelungen zur Umsetzung der Umfassenden Landesverteidigung durch die verantwortlichen Personen zu wecken. Der Schlüssel zum Bekenntnis zur Umfassenden Landesverteidigung ist frühzeitig vermitteltes Verständnis und nicht Verordnung per Erlass. Dieses Verständnis war in der Vergangenheit schon höher ausgeprägt, daran sollten wir wieder anknüpfen.
Ihr älterer Sohn ist bei der Polizei, ihr jüngerer beim Bundesheer. Wie haben Sie es geschafft, das Interesse für die aktive Mitarbeit an unserer Sicherheit zu wecken?
Ich bin überzeugt, dass es wichtig ist, niemanden zu etwas zu zwingen. Mein Vater war Steuerberater und hätte mich gerne als seinen Nachfolger gesehen – damit konnte ich aber gar nichts anfangen. Er hat mich auf meinem Weg unterstützt und mich ermutigt, den Weg zu gehen, in dem ich mein persönliches Interesse sehe. Ich bin überzeugt, dass es wichtig ist, Unterstützung anzubieten, leitend einzuwirken, aber nicht den eigenen Beruf zu "verkaufen". Die Berufung muss jeder für sich selbst finden, das Interesse am Sicherheitsberuf war bei beiden schon vorhanden. Mein jüngerer Sohn ist gelernter Koch/Kellner, er findet seine Berufung jetzt in der Tätigkeit des Berufsunteroffiziers. Begleiten, erziehen, ein gutes Vorbild im Sinne des Verhaltens geben, aber niemanden zu etwas zwingen. Das funktioniert nicht.
Herr Generalmajor, ich danke für dieses Gespräch.
Zur Person:
Generalmajor Anton Wessely ist 55 Jahre alt und lebt in Wien. Seine beiden Söhne aus erster Ehe sind 29 und 23 Jahre alt und ebenfalls im Dienste der Sicherheit unseres Landes tätig. Der ältere ist Polizist, der jüngere beim Bundesheer in Ausbildung zum Unteroffizier. Wessely rückte 1983 beim Panzergrenadierbataillon 35 in Großmittel ein. Er war Hauptlehroffizier für Stabsdienst an der Landesverteidigungsakademie in Wien. Seine Laufbahn bei der Truppe begann und endete in der 3. Panzergrenadierbrigade in Mautern, zuletzt war er bis 2013 Brigadekommandant. Von 2013 bis 2014 nahm er die Funktion des stellvertretenden Kommandanten der KFOR-Mission im Kosovo wahr. Seit 2014 ist er Leiter der Ausbildung A, unterbrochen von 2018-2019 durch die Funktion Stabschef der Bundesminister Kunasek, Luif und Starlinger.