Österreichs Bundesheer

Motivation und Gefechtswert

Weder weil der Feind böse ist, kämpfen Soldaten - noch für Ideologien oder gar für Politiker. Den Grund dafür liefern vielmehr zahlreiche Puzzleteile, viele davon sind bekannt, einige interessant und manche schwer zu fassen. Der Stein der Weisen ist hier deshalb so schwer zu finden, weil die Theorie Modelle anbietet, in der Praxis aber gegen menschliche Eitelkeit und Unzugänglichkeit angetreten werden muss. Und die können schier unüberwindlich sein.

Die jahrelange Erfahrung und Praxis als Gruppenkommandant, Zugskommandant, Ausbildungsoffizier, Kompaniekommandant, Stabsoffizier, Ausbilder und auch Kurskommandant im Alpinausbildungskader des Österreichi- schen Bundesheeres führen immer wieder zur Frage nach der Motivation der Untergebenen, der Auszubildenden und der Mitarbeiter. Die drängendste Frage aber blieb offen: "Warum kämpfen Soldaten?" Die pädagogische Faustformel: "Lob ist besser als Tadel, Tadel ist besser als nichts" mag zwar generell stimmen. Für den Kommandanten, der die Soldaten führt und ausbildet, ist sie aber von geringem Wert. Den geborenen Führer gibt es, und wenn überhaupt, nur sehr selten. Daher müssen den militärischen Kommandanten aller Ebenen entsprechendes Wissen und Handwerkszeug auf ihren Wegen mitgegeben werden. Da eine Auswahl von Führungspersonal aufgrund bestimmter Eigenschaften empirisch nur schwer möglich ist, wären vor allem am Beginn einer militärischen Karriere und bei den unteren Dienstgraden im Offiziers- und Unteroffizierskorps Grundlagen in diesem Bereich erforderlich.

Ist die Basis der militärischen Führung in der Ausbildung und Führung von Soldaten mit dem richtigen Rüstzeug ausgestattet, ergibt sich bei Übungen und vor allem auch im Einsatz durch motivierte Soldaten ein hoher Gefechtswert.

Einleitung

"Wer kämpfen will, kann auch ohne Klinge kämpfen. Notfalls mit bloßer Faust." (Ein Zitat des Soziologen Rolf R. Bigler.) Dieses und ähnliche Zitate verdeutlichen eines: Die seit Jahrzehnten zu geringe Bereitschaft Österreichs, in ausreichende und moderne Ausrüstung für sein Bundesheer zu investieren. Dies wirkt gleich doppelt negativ: Einerseits fehlt damit ein wichtiger Grundstein für eine hohe Motivation, andererseits wäre gerade aufgrund der fehlenden technischen Ausstattung eine besonders hohe Motivation erforderlich.

Motivation war seit Jahrhunderten in der Regel der entscheidende Faktor, wenn es um Sieg oder Niederlage in einem Krieg, einer Schlacht oder einem Gefecht ging. Zahlreiche Beispiele aus der Kriegsgeschichte belegen, dass oft bei gleichwertigen Gegnern, auch bei unterlegenen oder schlechter ausgerüsteten Truppen die Motivation der Soldaten ausschlaggebend für den Erfolg auf dem Gefechtsfeld war.

"Nicht die Masse und nicht die Stärke führen im Krieg zum Sieg, sondern wer mit der größeren Kraft der Seele dem Feind entgegensteht, dem halten die meisten Gegner nicht stand" Das Zitat von Xenophon - einem griechischen Offizier und Schriftsteller um 400 v. Chr. - stellt die Bedeutung der Truppenmoral gegenüber allen anderen Faktoren in den Vordergrund. Woher kommt diese Motivation? Philosophen, Pädagogen und Psychologen, aber auch Militärs haben diese zentrale Frage schon beleuchtet.

Der österreichische Soldat hat bei zahlreichen Einsätzen im In- und Ausland bewiesen, dass er eine entsprechende Motivation besitzt. Er erledigt seine Aufträge nicht nur mit seinem Improvisationstalent und seinem österreichischen Schmäh, sondern auch mit einem fundierten Fachwissen, sehr zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Allerdings waren diese Einsätze meist keine Kampfeinsätze, bei denen mit aktiver Waffengewalt politische oder militärische Forderungen durchgesetzt werden mussten.

Warum kämpfen also Soldaten? Diese Frage wird in Zukunft nicht nur die Politiker und hohen Militärs, sondern vor allem die Kommandanten auf unterster Ebene - nicht nur theoretisch - beschäftigen. Die Aufstellung von Kräften für internationale Operationen (KIOP) und der Beitrag Österreichs für ein gemeinsames europäisches Sicherheitssystem sowie der immer mehr erkennbare Wille der Staatsführung, sich seiner militärischen Mittel auch zu bedienen, sind ein klares Indiz dafür. Einsätze, wie in Afghanistan, bei denen die militärische Führung dringend abgeraten, die politische Führung jedoch darauf beharrt hat, oder die gemeinsame EU-Mission in Mazedonien belegen dies klar.

Vermutlich wird sich in absehbarer Zeit der österreichische Soldat nicht nur in Peace Support Operations, wie im Kosovo, sondern auch in Peace Enforcement Operations, entweder im Rahmen der UNO, der NATO oder eines Europäischen Sicherheitssystems, wiederfinden.

Strukturierung der Motivation von Soldaten

Dirk W. Oetting, studierter Rechtswissenschafter, Berufsoffizier im Generalstabsdienst und Leiter des Studentenbereichs an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, hat in seinem Buch "Motivation und Gefechtswert" eine große Anzahl von maßgeblichen Autoren erfasst, die sich mit dieser Materie beschäftigt und verschiedene Theorien entwickelt haben. Im Wesentlichen ergeben sich im Vergleich der verschiedenen Autoren folgende grundsätzlichen Motivationsgründe oder - wie Oetting sie nennt - Kernfaktoren, er unterscheidet: Kernfaktoren der Motivation - Die Legitimität der Zielsetzung, - Der unmittelbare militärische Führer, - Der zielkonforme Gruppenzusammenhalt.

Ein weiterer Kernfaktor - die Funktionstüchtigkeit der Streitkräfte - summiert Begriffe, wie höhere Führung, Ausrüstung, Versorgung, Disziplin, Ausbildung und physische Fitness. Über diesen vier Kernfaktoren steht der Begriff Vertrauen. Ihm wird eigentlich bei allen Autoren besondere Bedeutung zugeordnet. "Die eigentliche verbindende Grundlage ist jedoch das Vertrauen. Alle Worte und Maßnahmen können vom Individuum in seinem tiefsten Inneren nur angenommen werden, wenn eine Vertrauensbasis besteht." Elmar Dinter drückt mit seinen Worten klar aus, worauf es ankommt.

Neben diesen Kernfaktoren gibt es selbstverständlich auch noch andere Motivationsfaktoren wie Angst oder Hass, wobei aber auf diese in diesem Beitrag nicht mehr näher eingegangen wird, da dies den Rahmen sprengen würde.

Das Modell der Motivationsebenen

Die Wehrmotivation der Gesellschaft ist die Bereitschaft eines Staates und seiner Bevölkerung, das bestehende Staatssystem zu verteidigen. In einigen europäischen Staaten ist sie aufgrund einer nicht spürbaren Bedrohung eher gering. In Ländern wie Israel, die täglich mit Angriffen auf ihren Staat und ihr System leben, ist die Bedrohung eine vorhandene Realität und somit der Wille zur Verteidigung ungleich höher.

Über der Wehrmotivation steht die Dienst-, Einsatz- bzw. Kampfmotivation. Die Dienstmotivation umfasst jene Beweggründe, welche die Art der Dienstausübung von Soldaten im Frieden wesentlich mitbestimmen.

Die Einsatzmotivation umfasst demnach die Beweggründe, welche die Art der Dienstausübung aller Soldaten im Krieg beeinflusst, egal ob diese im Versorgungs-, Stabs- oder Führungsteilen bzw. anderen, nicht direkt im Feindkontakt stehenden Truppen, eingeteilt sind. Die Kampfmotivation betrifft alle, die im direkten Gefecht mit dem Gegner stehen, unabhängig ob sie nun dafür vorgesehen sind oder nicht.

Wenn man nun die Veränderungen in den Motivationsebenen auf die vier Kernfaktoren bezieht, erhalten der zielkonforme Gruppenzusammenhalt und der unmittelbare militärische Führer von der Dienstmotivation über die Einsatzmotivation bis zur Kampfmotivation zunehmende Bedeutung. Die Wehrmotivation hat in diesem Fall auch keine wesentlichen Auswirkungen, da sie grundsätzlich als gegeben zu betrachten ist und sich außerdem in der Legitimität der Zielsetzung niederschlägt.

Definition der Motivation

Die Motivation von Soldaten wird als Inbegriff aller Beweggründe verstanden, die sie zu einem bestimmten Verhalten im Sinne von Tun oder Nichttun veranlassen.

Es stehen dabei jene Beweggründe im Vordergrund, die zur Pflichterfüllung des Soldaten im Sinne eines treuen Dienstes hinführen. Die Motivation veranlasst den Soldaten, auch existenzieller Bedrohung standzuhalten oder sogar bewusst in eine (Lebens)gefahr hineinzuhandeln.

Ob sich die Motivation in diesem Zusammenhang auf einen einzelnen oder auf mehrere bezieht, soll unerheblich sein. Motiviert oder auch demotiviert können sowohl eine Gruppe als auch der einzelne Soldat sein oder werden.

Diese vereinfachende und großzügige Definition von Oetting bringt die Sache auf den Punkt. All diese Beweggründe zu erfassen und in eine mathematische Formel zu bringen, ist nicht möglich, da die Motivation dynamischer Natur ist. Sie lässt sich naturwissenschaftlich nicht messen. Denn schon Kleinigkeiten, wie eine Ruhepause oder der Ausfall von Verpflegung, kann die Motivation steigern oder zunichte machen. Jedoch als Ganzes kann sie Teil einer Formel werden.

Es gibt zwar Methoden der Motivationsmessung, wie den Thematischen Apperzeptionstest (TAT - Der Proband muss dabei zu Szenen Geschichten erfinden; deren Inhalte und das Verhalten des Probanden werden dabei ausgewertet), diese erfassen allerdings eher die allgemeine Motivation. Die Kampfmotivation kann jedoch kaum gemessen werden.

Die Formel für den Gefechtswert

Schon Napoleon hat erkannt, dass die Motivation einen Faktor für den Gefechtswert darstellt. "Moral und Material verhalten sich in ihrer Bedeutung für die Kriegsführung wie drei zu eins." Auch andere haben bereits versucht, den Ausgang eines Gefechtes mathematisch zu erfassen. Dies ist aber, wenn überhaupt, nur im Bereich "Stärke" und "Ausrüstung/Logistik" machbar, so wie es auch bei der Kampfkraftgegenüberstellung im Rahmen des Führungsverfahrens gemacht wird.

Sobald es um Ausbildung und Motivation geht, wird klar, dass der einzige Sinn einer Formel darin liegt, die Bedeutung des Zusammenhanges aufzuzeigen.

Die Kampfmotivation des Gegners ist jedoch empirisch kaum messbar, genauso wenig wie die Eigene. Sie wird aber auch in Zukunft die Unsicherheit im Gefecht sein, welche mit großer Wahrscheinlichkeit entscheidend für den Erfolg oder den Misserfolg sein wird. Besonders ist zu beachten: Fällt ein Faktor aus oder geht er gegen null, so hat dies einen wesentlichen Einfluss auf das Ergebnis Gefechtswert. Allerdings kann die Verminderung eines Wertes bis zu einem gewissen Grad durch Verstärkung eines anderen ausgeglichen werden.

"Der Krieg ist immer eine Rechnung zwischen Menschen und Material. Der Erfolg beruht auf dem richtigen Ausgleich der beiden." (S. L. A. Marshall)

Die Primärgruppe

Die Primärgruppe ist jenes kleine Gebilde, in denen sich Mitglieder von Angesicht zu Angesicht kennen, US-amerikanisch: face-to-face group. Die wichtigste und natürlichste Primärgruppe ist in fast allen derzeitigen Kulturen die Familie. Für einen Kämpfer ist es die Gruppe seiner Kameraden. Nur eine Kameradengruppe mit hoher Kohäsion zwischen ihren Angehörigen wird in der Belastungssituation des Gefechtes für den Einzelnen jene Schutzfunktion erfüllen können, ohne die eine Kampfmoral nicht denkbar ist.

Die Angst des Soldaten, vor allem vor dem Verlust der Primärgruppe, übersteigt selbst seine stärksten Ängste vor dem Unbekannten oder Unerwarteten und der Verstümmelung. Die starke Einbindung eines Soldaten in die Gruppe ist ein großartiges und oft auch einmaliges Erlebnis im Leben des Menschen. Der durchschnittliche Soldat will eigentlich dem Kampf entfliehen. Nur durch die Gruppe wird er daran gehindert.

Allerdings findet sich die Gruppe in der Regel nicht selber. Aufgrund einer militärischen Notwendigkeit wird sie formiert. Bindungen innerhalb der Gruppe können nur entstehen, wenn sie ausreichend Zeit und eine oder mehrere belastende Aufgaben erhält, um diese Beziehungen bereits im Frieden zu vertiefen. Eine Gruppe mit starkem Zusammenhalt wird auch im Frieden ihre Aufträge besser erfüllen. Im Krieg ergeben sich die schwierigen Anforderungen von alleine. Strapaziöse Situationen im Gefecht wird die Gruppe mit einer schwachen Kohäsion nur zögernd, unsicher und ängstlich bewältigen, während die gut integrierte Gruppe, auf ihre innere Stärke bauend, die Herausforderung prompt und initiativ annimmt.

Wie entsteht nun diese Kampfgemeinschaft. Warum hat der einzelne Soldat das Bedürfnis, Mitglied einer Gruppe zu werden? Der Soziologe Elmar Dinter sagt, dass die stärkste Triebkraft in diesem Gebilde von sozialen Verknüpfungen das Verlangen eines jeden nach Liebe, Sympathie, Anerkennung, Achtung und Macht sowie die Befriedigung seiner persönlichen Bedürfnisse ist. Die Gruppe bietet ihm Schutz, also wird er mit allen Mitteln versuchen, ihr immerfort seine Nützlichkeit zu beweisen und sein ganzes Interesse dem Fortbestand der Gruppe zu widmen.

Auch Ötting stellt fest, dass der Einzelne unter anderem die Gruppe sucht, weil sie durch gegenseitige Unterstützung dem Einzelnen gegenseitige Achtung, Vertrauen, Anerkennung und Sympathie sowie Geborgenheit und Schutz bietet. Je mehr sich der Einzelne durch die Gefahren des Krieges bedroht fühlt, umso größer wird die angenommene und verspürte Schutzfunktion durch die Gruppe. Somit entstehen im Krieg viele besonders günstige Voraussetzungen für eine zunehmende Integration in den Primärgruppen. Er geht sogar noch weiter und stellt fest, dass fast alle Bedürfnisse der "Maslow´schen Hierarchie der Bedürfnisse" durch die Primärgruppe erfüllt werden können.

Die grafische Darstellung der Theorie hat die Form einer Pyramide mit fünf Kategorien von den physiologischen Bedürfnissen des Menschen bis hin zur Selbstverwirklichung.

Die jeweils obere Ebene beginnt dann zu dominieren, wenn die untergeordnete Ebene in einem bestimmten Ausmaß befriedigt ist.

Diese engen Gruppenbindungen können jedoch nur wachsen und bestehen, wenn die entscheidende Primärgruppe nicht zu groß wird. In der Literatur finden wir die Größenordnung von 3 bis 12 Mann. Diese Bindung wird umso stärker, je länger diese Gruppe miteinander belastende Aufgaben lösen kann. Die enge soziale Beziehung wächst mit der Dauer und Intensität des Zusammenseins, sie kann sogar bis zum Zug bzw. der Kompanie reichen.

Ausbildung

"Die Schaffung einer starken Gruppenkohäsion muss oberstes Ziel aller organisatorischen Maßnahmen in den Streitkräften sein. Die Gruppen benötigen Zeit, damit sie zusammenwachsen können, und sie dürfen nicht leichtfertig wieder zerrissen werden. Das gilt nicht nur für die Ausbildung und den ersten Einsatz, das gilt auch für den Personalersatz auf dem Gefechtsfeld." (Aus der Jahresweisung für Ausbildung und Erziehung 1980 der Deutschen Bundeswehr.) Es gibt zwar zahlreiche Beispiele in der Kriegsgeschichte, bei denen auch schlecht oder nicht ausgebildete Kämpfer voller Einsatzwillen einen Erfolg erzielen konnten. Man sollte aber den Faktor Ausbildung nicht unterschätzen. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass das Selbstvertrauen der Soldaten durch eine gute Ausbildung erhöht und damit auch das Angstniveau verringert wird.

Ausbildung soll auch Freude machen, sonst fehlt selbst dem Freiwilligen der Anreiz zum Mitmachen. Anzipf, Oberflächlichkeit und realitätsfremde Ausbildung, die sich gerne in Friedensarmeen einschleichen, hemmen das Interesse am Dienst in der Armee. Wird der Auszubildende nicht gefordert, sucht er sich seine Befriedigung woanders, entweder im Alkohol oder Drogengenuss, durch Randalieren oder auch Quälen von Kameraden. Die Ausbildung muss die schlummernden Persönlichkeitswerte der jungen Rekruten wecken.

Durch Zuweisung von langsam immer fordernderen Aufgaben gewinnen sie zusehends an Selbstständigkeit und Ausdauer.

Dabei muss bei unseren Soldaten eine Initiative entwickelt werden, weil dies die erfolgversprechendste Art der Kampführung ist. Viele haben auch noch nie in der Gruppe gearbeitet, und diese Teamarbeit, bei der jeder für den anderen da ist, wird sie faszinieren und zur Rücksicht auf die Kameraden anleiten. Manchmal versagt hier die militärische Ausbildung, weil geltungsbedürftige oder unsichere Vorgesetzte den Untergebenen so lange ins Handwerk pfuschen, bis diese die freiwillige Mitarbeit entmutigt aufkündigen.

Die Ausbildung soll überdies ein reales Bild vom Gefecht bieten, um den unerfahrenen Soldaten vor Überraschungen im Einsatz zu schützen.

Welche Möglichkeiten bietet nun die Ausbildung im Bundesheer, um diesen "zielkonformen Gruppenzusammenhalt" zu schaffen? Neben realistischen Übungen, bei denen die Gruppe immer wieder gemeinsame Aufgaben lösen muss, benötigt sie auch Ruhe und Entspannung. Gemeinsame Erlebnisse beim Mannschaftssport, alpine Unternehmen oder auch Singen am Lagerfeuer fördern die Gruppenbildung und bringen versteckte Fähigkeiten der einzelnen Gruppenmitglieder ans Licht. Es kommt dabei besonders darauf an, den Führer und die Gruppenzusammensetzung nicht zu wechseln. Die gemeinsamen Erlebnisse sollen die Gruppe zusammenschweißen. Um das Vertrauen der Soldaten in die Gruppe und untereinander zu steigern, müssen ihnen Erfolgserlebnisse verschafft werden.

Nach Möglichkeit sollten sich die Rekruten in der jeweilige Gruppe freiwillig zusammenfinden können. Dies wird aufgrund der Organisation nicht immer möglich sein.

Allerdings ist die Freiwilligkeit, mit der ein Soldat eine bestimmte Aufgabe oder eine Funktion bewusst bzw. unbewusst übernimmt, ein sehr entscheidender Motivationsfaktor, der wegen vordergründiger Soll-Ist-Berechnungen nicht vernachlässigt werden sollte.

Darüber hinaus schafft diese Wahlmöglichkeit zwischen den verschiedenen Verbänden, Einheiten oder Zügen eine gesunde Konkurrenzsituation. Dies ist eine hervorragende Möglichkeit, die Kommandanten aller Ebenen zur Beachtung der führungsmethodischen Grundsätze zu zwingen.

Die Vermittlung des Elitedenkens oder des Sondertruppengedankens, wie z. B. "Hochgebirgszüge mit Spezialausbildung", fördert ebenfalls die Gruppenintegration mehr als das Flair einer gewöhnlichen militärischen Einheit.

Der Kommandant einer Einheit muss die richtige Mischung zwischen rein militärischen Ausbildungszielen, erlebnisreicher Abenteuerausbildung und eher entspannenden gruppenfördernden Ausbildungszielen finden, um den "zielkonformen Gruppenzusammenhalt" zu schaffen.

Führung

"Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt ..." (R. R. Bigler) Grundsätzlich wird zwischen dem höheren und dem unmittelbaren Führer unterschieden. Nur der unmittelbare Führer ist noch teilweise in die Gruppe integriert, und damit kann er direkt auf die Motivation seiner Soldaten einwirken. Es sind die Gruppen-, Zugs- und Kompaniekommandanten, welche gewissermaßen die "Vorgesetzten zum Anfassen" darstellen.

"Führung im militärischen Bereich ist in erster Linie Vorleben." (Zitat des Soziologen Elmar Dinter) Ein Kommandant werde mehr geschätzt, wenn er wie ein Soldat aussieht und auftritt. Wenn er allerdings kein wahrer Mann ist, so interpretiert Marshall, werde ihm die Erscheinung doppelt zum Verhängnis. Ein Kommandant müsse auch das auf sich nehmen und leisten können, was er von seinen Untergebenen verlangt. Das treffe in jedem Fall auf den Gruppen- und Zugskommandanten zu. Vom Kompaniekommandanten und Bataillonskommandanten müssten sie zumindest wissen, dass er es kann, er müsse aber nicht immer dabei sein.

Es gibt viele Eigenschaften, die ein Führer vorweisen muss; dabei treten aber nicht nur die militärisch fachlichen in den Vordergrund, sondern vor allem diejenigen, welche Vertrauen schaffen und bei denen der Mensch = Soldat im Mittelpunkt steht.

Ein praktisches Beispiel dafür war Leutnant Robert W. Rideout. Er hatte sich - so S. L. A. Marshall - in kurzer Zeit jenes Wissen erworben, welches im Krieg am wertvollsten ist. "Er machte es sich zur ersten Aufgabe, seine Leute so zu sehen, wie sie waren, mit ihren starken und ihren schwachen Seiten. Die ersteren versuchte er zu entwickeln, blieb sich aber ständig bewusst, dass man gegen die anderen beständig auf der Hut sein muss. Er erwartete nicht zu viel von seinen Soldaten, verlangte aber das Maximum dessen, was er glaubte, von ihnen erwarten zu dürfen. Von sich selbst verlangte er mehr." Marshall weist darauf hin, dass er viele Rohlinge im Gefecht gesehen habe, für die es kein anderes Mittel zur Kommandoausübung gab als die Beschimpfung ihrer Leute. Aber es bliebe ihm noch vorbehalten, denjenigen zu finden, der auf diese Weise seine Truppe zusammenhalten könne, wenn es hart auf hart ging, und wenn bei der Mannschaft die Furcht vor dem Feinde die Angst vor dem Vorgesetzten zu überschatten beginnt.

Ein Führer muss nicht unfehlbar sein. Gelingt es daher dem Vorgesetzten, Vertrauen und Akzeptanz seiner Soldaten zu gewinnen und trotzdem Mensch zu bleiben, avanciert er zum Führer.

Folgerungen

Bei den letzten Reformen hat das Österreichische Bundesheer schon einen wesentlichen Schritt von einer Ausbildungsorganisation zu einer Einsatzorganisation unternommen. Die Erkenntnis, dass der einzelne Soldat eigentlich für seine Gruppe und seinen unmittelbaren Führer kämpft, sollte bei der Formierung und Ausbildung von Einsatzverbänden weiter berücksichtigt werden.

Grundsätzlich beginnt dies schon bei der Personalauswahl. Die Allgemeine Wehrpflicht ist ein Garant dafür, dass alle männlichen tauglichen Österreicher, die nicht Zivildienst leisten wollen, zumindest sechs Monate Dienst beim Bundesheer leisten. Dieses Rekrutierungspotenzial würde das Heer beim Abschaffen oder Stilllegen der Allgemeinen Wehrpflicht brachliegen lassen. Mit großem finanziellen Aufwand müsste der Kader rekrutiert werden.

Schon bei der Stellung kann das Bundesheer die Stellungspflichtigen massiv mit den Möglichkeiten, die das Bundesheer jetzt schon bietet, bewerben. Das Jägerbataillon 23 macht das erfolgreich bereits bei allen Vorarlbergern, die in Innsbruck zur Stellung kommen. So meldeten sich z. B. bei der Musterung der Stadt Feldkirch im Jahr 2002 60 Prozent der Stellungspflichtigen als Zivildiener. Nach der Musterung 2003 waren es von 60 Stellungspflichtigen nur noch zwei, das sind somit drei Prozent.

Es darf nicht mehr die Personengruppe angesprochen werden, die einen sicheren Arbeitsplatz sucht, da das Bundesheer diesen nicht mehr garantieren kann. Aber unser Heer bietet dem jungen Staatsbürger schon jetzt viele attraktive Möglichkeiten, einen interessanten und auch finanziell lukrativen Beruf zu ergreifen.

Zusammenfassung

Der einzelne Soldat wird, so wie in der Vergangenheit, auch in Zukunft für seine Gruppe und seinen unmittelbaren Führer kämpfen. Wir müssen lernen, besser zu verstehen, mit unserer Ausbildungs- und Einsatzorganisation auf die Notwendigkeiten dieser Erkenntnis einzugehen. Österreichische Verbände werden dann umso effizienter bestehen, vor allem in einem Gefecht, welches ja in zukünftigen Einsätzen vermutlich möglich wird.

Beginnend von der Personalauswahl, über die Ausbildung der Mannschaften und des Kaders und die Formierung von Verbänden, muss auf diese Folgerungen Rücksicht genommen werden. Attraktive Berufschancen im Heer, entsprechende finanzielle Abgeltung, realistische und interessante Um- oder Ausstiegsmöglichkeiten ab einem entsprechenden Alter werden erforderlich sein, um den Personenkreis für den Beruf Soldat zu motivieren.

Solange wir unseren Gruppenkommandanten weniger bezahlen als einem Exekutivbeamten und 50-jährige schneidige Zugskommandanten in unserer Einsatzorganisation behalten müssen, weil sie keine Alternative haben, dürfen wir uns nicht wundern, dass unser Bundesheer zwar eine gute Friedensarmee ist, aber für die Bezeichnung Streitkraft noch viele Voraussetzungen zu schaffen sein werden.

Für die Legitimität des Einsatzes und eine qualitativ und quantitativ ausreichende Ausrüstung sowie den damit in Verbindung stehenden notwendigen finanziellen Hintergrund wird aber weiterhin die Politik verantwortlich zeichnen müssen.

Wenn die Kommandanten aller Ebenen ihre Untergebenen richtig auswählen, motivieren, ausbilden und ausrüsten, und diese richtig geführt werden, dann kann kein militärischer Gegner auf diese Streitkräfte und ihren Einsatzwert wesentlich Einfluss gewinnen.

___________________________________ __________________________________ Autor: Major Thomas Belec, Jahrgang 1963, Ausmusterung 1988 als Infanterieoffizier zum Landwehrstammregiment 91; Zugskommandant, Ausbildungsoffizier, Kompaniekommandant bis 1999, S2 und seit 2003 S3 und stellvertretender Kommandant im Jägerbataillon 23, Heeresbergführer und Angehöriger des Alpinausbildungskader, CIMIC-Offizier bei AUCON4/KFOR.

Dieser Beitrag basiert auf einem Auszug der durch die Landesverteidigungsakademie zur Veröffentlichung empfohlenen Stabsstudie des 17. Stabslehrgangs 2 des Autors mit dem Thema: Motivation und Gefechtswert. Warum kämpfen Soldaten? Unter besonderer Berücksichtigung der Primärgruppe, deren Ausbildung und Führung und die Notwendigkeit der Akzeptanz dieser Folgerungen durch alle Führungsebenen (Anm. d. Red.).

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